Was Baby damit sagen will
Zeichensprache hilft Kleinkindern sich mitzuteilen, ehe sie sprechen könnenWas "dada" diesmal heißen soll? Das kann ein Kleinkind, das noch nicht spricht, durchaus schon mitteilen. Die Baby-Zeichensprache macht es
möglich - und viele Mamas
und Papas glücklich.
GUDRUN SOKOL
Ulm Till ist 15 Monate alt und weiß schon genau, was er mag und was nicht. Am Abendbrottisch bei den Großeltern fuchtelt er großräumig mit seinen kleinen Händen herum, schneidet wilde Grimassen und betont seine Order mit einem unspezifischen, aber zunehmend ungeduldigen "dada". Tills Mutter, Monika Rogge, hat vor wenigen Wochen damit angefangen, ihrem Zweitgeborenen die Baby-Zeichensprache beizubringen. Seitdem kann Till mitteilen, dass ihm jetzt nach einem Stückchen Banane wäre, dass er durchs Fenster einen Vogel gesehen hat und dass ihm die Musik, die gerade im Radio läuft, gefällt.
"Es macht vieles einfacher", hat die Familientherapeutin aus Gundelfingen bei Freiburg im Breisgau erfahren. "Die Kinder sind weniger schnell frustriert, wenn sie wenigstens einen Teil von dem mitteilen können, was sie wollen oder was sie beschäftigt."
Denn: Kleinkinder verstehen sehr wohl schon Dinge, bevor sie diese sagen können. Und: Sie können die Muskulatur der Hände früher kontrollieren und koordinieren als ihre Sprechmuskulatur. Manche Gebärden der Zwergensprache - etwa das allseits bekannte "winke winke" zum Abschied - ergeben sich von selbst. Andere müssen dem Kind beigebracht werden - was Zeit und Geduld erfordert. Essen und trinken gehören zu den einfachen Gebärden: Wenn es mit der rechten Hand ein C formt und die Hand wie ein Glas zum Mund führt, hat das Kind Durst. Führt es die geschlossenen Fingerspitzen der Hand wiederholt zum Mund, ist es hungrig. Klatscht es dann noch mit angewinkelten Armen beide Hände vor der Brust zusammen, macht es wie ein dressiertes Tier "bitte bitte".
Manche Gesten wirken bei einem Menschenkind befremdend, andere richtig lässig. Viele Gebärden setzen Beobachtungen voraus, die das Kind gemacht haben muss. Bewegt es beide Fäuste vor dem Körper gegenläufig im Halbkreis hin und her, hat es Mutter oder Vater schon hinterm Steuer beobachtet. Hält es die Fäuste bei der Drehbewegung weiter auseinander, könnte das Lenkrad eines Busses gemeint sein. Wieder andere Gesten sind schlicht Vereinbarung. Meint es die Oma, sollte das Kind laut "Wörterbuch der Babyzeichen" mit seiner Hand einen Dutt am Hinterkopf andeuten, meint es den Opa mit beiden Händen einen Schnurrbart - den der Opa wahrscheinlich ebenso wenig hat wie die Oma einen Dutt.
Basis der Zwergensprache ist die Gebärdensprache für Gehörlose. Die Idee, über ähnliche Zeichen mit Babys zu kommunizieren, stammt aus den USA und ist in Deutschland ziemlich neu. Fest steht, dass sich ein Baby damit schon ab sechs Monaten neue Welten erschließen kann. Fest steht ebenso, dass manche eine Religion daraus machen: Beim Googeln unter dem Suchbegriff "Babyzeichen", wird man von fast 5000 Treffern erschlagen. Und auf manchen Seiten finden sich Kurzfilme, in denen sich lernwillige Eltern mit verbissenen Mienen im weltweiten Netz blamieren.
Die Buchautorin und Gründerin der Zwergensprache-Kurse Deutschland, Vivian König, wirbt mit vielen Vorteilen: Die Kinder lernten früher sprechen, entwickelten einen größeren Wortschatz, ein besseres Vorstellungsvermögen, ein größeres Interesse an Büchern, ganz nebenbei eine besonders enge Bindung an die Eltern. . . Einziger Nachteil: Das ausgebildete Baby ist frustriert, wenn Tagesmutter, Spielkameraden oder Großeltern mit den Zeichen nichts anzufangen wissen.
Tills Großeltern haben noch nie etwas von dieser Zwergensprache gehört und sind von ihrem kommunikationsfreudigen Enkelkind überwältigt. Immer wieder versucht der Kleine aufs Neue klarzumachen, was er mitzuteilen hat. Zum Glück hat Till seinen Bruder Julius neben sich, der dolmetschen kann. Die Zeichen hat der Dreieinhalbjährige zu Hause so ganz nebenbei mitbekommen und findet es lustig, dass er und sein kleiner Bruder schon Dinge können, die Oma und Opa erst noch lernen müssen.
Erscheinungsdatum: Samstag 17.05.2008
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