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INTERVIEW: Kein Ersatzkind

Wer eine Adoption ins Auge fasst, sollte seine Motive vorher genau prüfen, sagt Christine Lindenmayer vom Jugendamt der Stadt Stuttgart. Wichtig ist, dass man seine Kinderlosigkeit verarbeitet hat, wenn ein fremdes Kind mit einer eigenen Geschichte ins Haus kommt.

ANTJE BERG

Welcher Gedanke steht hinter einer Adoption?
 
CHRISTINE LINDENMAYER: Es geht vor allem darum, für ein Kind, das nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen kann, geeignete Eltern zu finden - und weniger darum, einem kinderlosen Paar zu helfen.
 
Welche Fragen sollte man sich vor einer Adoption stellen?
 
LINDENMAYER: Man muss sich prüfen, ob man nur Ersatz bekommen will für etwas, was einem von der Natur versagt geblieben ist, oder ob man offen für die Aufnahme eines fremden Kindes mit seiner eigenen Geschichte, seinen Genen, seiner Andersartigkeit ist.
 
Nach welchen Kriterien treffen Sie die Auswahl der Adoptiveltern?
 
LINDENMAYER: Da wir weit mehr Bewerber als Kinder haben, vermitteln wir nur an Ehepaare. Zwischen Kind und Eltern sollten höchstens 40 Jahre liegen. Von beiden Ehepartnern erwarten wir eine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Eltern sollten das Kind achten, unterstützen und damit umgehen können, dass es auch Streit gibt. Sie müssen in der Lage sein, Gefühle zu äußern, über Konflikte zu sprechen und Kompromisse einzugehen. Wichtig ist, dass sie ihre Kinderlosigkeit verarbeitet haben und bereit sind, dem Kind früh zu sagen, dass es adoptiert worden ist.
 
Was machen Sie, wenn es mehrere geeignete Paare gibt?
 
LINDENMAYER: Keinesfalls werden jüngere Bewerber oder Akademiker bevorzugt. Im Zweifelsfall entscheidet die Wartezeit. Und: Die abgebenden Mütter haben ein Mitspracherecht. Vor kurzem sagte uns eine Mutter, sie stamme aus einer Handwerkerfamilie, sei selbst Handwerkerin und auch ihr Kind solle in einer Handwerkerfamilie aufwachsen. Diesen Wunsch konnten wir erfüllen, weil es ein sehr geeignetes, passendes Ehepaar gab.
 
Was bewegt Frauen dazu, ihr Kind zur Adoption freizugeben?
 
LINDENMAYER: Keine Frau, die ihr Kind zur Adoption freigeben will, muss uns ihren Wunsch begründen. Unsere Aufgabe ist es, für das Baby und die Mutter, die sich trotz aller Hilfsangebote überfordert fühlt, eine gute Lösung zu finden. Schlimm ist, dass über diese Mütter, die ihr Kind ja zur Welt bringen, noch immer schlecht gedacht wird.
 
Auf welche Weise bilden Sie sich Ihr Urteil über Adoptionsbewerber?
 
LINDENMAYER: Wir lernen sie auf unseren Informationsveranstaltungen und bei Hausbesuchen kennen. Der Kontakt erstreckt sich meist über Monate hinweg, so dass man weiß, mit wem man es zu tun hat.
 
Wie viele Kinder vermitteln Sie im Schnitt?
 
LINDENMAYER: Mal können wir zehn Kinder in einem Jahr vermitteln, dann wieder gar keines. Ältere Paare, denen die Zeit davonläuft, fassen deshalb oft eine Auslandsadoption ins Auge.
 
Wie läuft das ab?
 
LINDENMAYER: Die Bundesrepublik ist Mitglied des Haager Adoptionsabkommens. Danach sollen Auslandsadoptionen nur von seriösen, nicht-kommerziellen Organisationen vermittelt werden. Davon gibt es in Deutschland etwa ein Dutzend. Wir empfehlen den Eltern, sich an diese Stellen zu werden, die von uns ein Gutachten über die Eltern einholen können.
 
Wie geht es dann weiter?
 
LINDENMAYER: Die Organisation schickt das Gutachten an seriöse Stellen des Landes, aus dem das Kind stammt. Von dort kommt dann ein Vorschlag. Die Bewerber besuchen das Kind oft mehrfach, bevor sie mit ihm nach Deutschland zurückkommen. Für das Kind brauchen sie eine Einreisegenehmigung, die nur bei einem geregelten Ablauf erteilt wird. So will man jede Art von Kinderhandel unterbinden.
 
Was halten Sie von Auslandsadoptionen?
 
LINDENMAYER: Da auf dem geregelten Weg nur Kinder vermittelt werden, die nicht bei ihren Eltern leben können und für die sich in ihrem Herkunftsland keine neue Familie findet, halte ich diese Adoptionen für eine gute Lösung. Die Alternative wäre eine Heimunterbringung. Ich ärgere mich, wenn diese Kinder bei uns auf der Straße gefragt werden: "Wie viel hast Du denn gekostet oder bist Du geklaut worden?" Statt dummer Sprüche haben sie eine faire Chance verdient.
 




Erscheinungsdatum: Freitag 21.12.2007

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