INTERVIEW: Im rechtsfreien Raum
Renate Hartwig, lange Zeit populärste Scientology-Kritikerin, verlangt vom Staat saubere Ermittlungen und klare Informationen über die Organisation. Im Jahr 2002 stellte sie ihre Aufklärungsarbeit ein - auch aus Enttäuschung darüber, wie man mit dem Thema umging.
Frau Hartwig, warum haben Sie sich Anfang der 90er- Jahre um Scientology gekümmert?
RENATE HARTWIG: Weil ich damals selbst über ein Seminarangebot, dessen Kurse mir suspekt waren, auf das Thema aufmerksam wurde. Auf meine Nachfragen bekam ich keine zufriedenstellenden Antworten. Alles, was es damals auf dem Markt gab, waren diffuse Anschuldigungen - und zwar von staatlichen wie auch von den kirchlichen Stellen.
Das heißt, weil Sie nichts Greifbares in Erfahrung bringen konnten, haben Sie selbst recherchiert?
HARTWIG: Wenn vor einer Organisation gewarnt wird, muss auch gesagt werden, warum sie gefährlich ist. Mir ging es um Aufklärung. Dazu muss man erst einmal schauen, was die eigentlich tun. Und wenn das ungesetzlich ist, dann muss ermittelt werden. Gibt es dann greifbare Beweise, muss die Justiz tätig werden. Zumindest verstehe ich unseren Rechtsstaat so. Meine Aufgabe habe ich darin gesehen, nachzuschauen, was die Scientologen tun, und das der Öffentlichkeit und der Politik mitzuteilen. Und das habe ich getan.
Mit welchem Erfolg?
HARTWIG: Als Autorin tat ich das erfolgreich, auf politischer Ebene nicht. Meine Fragen an die Politik verhallten. Das Thema wurde immer wieder von Parteien und einzelnen Politikern als Wahlkampfthema missbraucht, das die Medien auch prächtig ausschlachteten. War die Wahl vorbei, ebbte auch stets das Interesse der kleinen und großen Politik ab.
Was ist Ihrer Meinung nach falsch am Umgang mit Scientology? HARTWIG: Das Thema wird von vielen benutzt, um sich selbst zu versorgen. Es gibt Dutzende staatlicher Planstellen, die von diesem Thema abhängig sind. Man denke nur an die Verfassungsschutzämter oder die Sektenbeauftragten der Kirchen. Untersuchungen werden in Auftrag gegeben, Tagungen abgehalten. Eine ganze Anzahl von so genannten Experten leben ganz gut davon. Aber eben nur so lange, wie dieses Problem ungelöst ist. Das habe ich auch in meinem Buch "Die Schattenspieler" so formuliert und mir prompt den Vorwurf der Nestbeschmutzung eingehandelt. Und ich kann sagen: So genannte Black Propaganda setzen nicht nur die Scientologen ein, wenn sie Kritiker mundtot machen wollen.
Das heißt: Sie werfen den Kritikern vor, teils mit ähnlichen Mitteln zu arbeiten wie Scientology?
HARTWIG: Ja. Einige tun das. Oder andersherum formuliert: Ich hab selten so wenig Christlichkeit gefunden wie in dieser Sektengegnerszene.
Zurück zur Rechtstaatlichkeit. Was läuft aus Ihrer Sicht da schief?
HARTWIG: Ganz einfach: Der Staat hat in dieser Frage seine Hoheitlichkeit aus der Hand gegeben. Anstatt sauber zu ermitteln und diese Ergebnisse dann den Bürgern zur Verfügung zu stellen, hat sich eine Kaste gebildet, die nach ihren eigenen Kriterien feststellt, vor wem gewarnt wird und vor wem nicht. Wie solche Entscheidungen zustande kommen, bleibt völlig im Dunkeln. Und viel schlimmer noch: Es werden Firmen als unterwandert dargestellt, die es nicht sind. Zudem reicht es in solch sensiblen Fragen doch schon, nur einen Verdacht zu äußern, ohne Belege dafür vorzulegen. Oder eine geschickt formulierte Frage zu stellen, der man dann nicht mal juristisch entgegentreten kann. Das ist Rufmord von Leuten, die ohne demokratische Legitimation im rechtsfreien Raum agieren. So stelle ich mir jedenfalls den Umgang eines Rechtsstaates mit einer verdächtigen Organisation nicht vor.
Und was halten Sie heute von Scientology?
HARTWIG: An meiner kritischen Grundeinstellung gegenüber dieser Organisation hat sich nichts geändert.
Erscheinungsdatum: Dienstag 12.02.2008
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