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Der Patient als Pauschalfall
Irrungen und Wirrungen des Gesundheitssystems

Milliarden pumpen Arbeitnehmer und Arbeitgeber in das Gesundheitswesen. Reicht das Geld nicht? Aber sicher. Doch zahllose Reformen zerstören ein System, das nur ein Ziel haben darf: Kranken zu helfen.

MARTIN HOFMANN

Hans G. will sich einkleiden und betritt dazu ein Geschäft. Dem Inhaber legt er einen 50-Euro-Schein auf den Tisch. Nun erwartet er, dass er alles bekommt, was er braucht: Anzug, Hemden, Socken, Pullover, Unterwäsche.
 
Wie der Besitzer des Geschäfts müssen sich zurzeit viele Haus- und Fachärzte im Südwesten vorkommen: Je nach Fachgebiet erhalten sie für die Behandlung eines gesetzlich versicherten Patienten unter 20 und bis maximal 90 Euro pro Quartal. Kann das sein? Schließlich überweist ein gesetzlich Versicherter bis zu zwei Monatsgehälter im Jahr seiner Krankenkasse. Regelleistungsvolumen heißt der Begriff. Nach dem Sozialgesetzbuch soll er die gesamte ambulante Grundversorgung abdecken.
 
Nun klagen Praxisärzte vor allem in Süddeutschland, dass dieser Pauschbetrag nicht einmal reicht, um die Unkosten ihres Kleinunternehmens zu decken. Vielen Ärzten geht es dabei zunächst gar nicht ums Geld, sondern welche Idee hinter dieser Finanzierungsmethode steckt. Als Selbstständiger sollte sich der Arzt nicht primär darum kümmern, woran der Patient leidet. Er muss vielmehr betriebswirtschaftlich austarieren, welchen Aufwand er hat, welche Zeit er für den Kranken investieren kann, um finanziell über die Runden zu kommen. Ein langes Gespräch, um für den einen Kranken eine Diagnose zu erstellen, bedeutet, zwei, drei andere Patienten im Minutentakt abzufertigen. "Mit ärztlicher Tätigkeit oder Krankenversorgung hat dies nichts mehr zu tun", sagen viele Ärzte.
 
Ein Beispiel: Henrik Spies ist Orthopäde und betreibt mit Friedhelm Heber eine Praxis in Neu-Ulm. Für 81 629 Euro dürfen die zwei Ärzte mit einer Kollegin in Ausbildung in den ersten drei Monaten exakt 2500 Kassenpatienten versorgen. 29,28 Euro Pauschale gibt es pro Patient, im zweiten Quartal noch etwas weniger.
 
Dieses Budget haben die Ärzte Anfang März ausgeschöpft. Vielen ihrer Kollegen geht es genauso. Die letzten vier Wochen behandeln sie Kassenversicherte für einen Bruchteil der Pauschale. Wie hoch dieser Betrag sein wird, erfahren sie frühestens im Sommer. Trotz des Minus-Geschäfts schließen viele ihre Praxis nicht. "Meine Patienten muss ich versorgen", sagt Spies. Außerdem erhält er für Akupunktur oder ambulantes Operieren noch Honorar, wenn auch 20 Prozent weniger als 2008. Solche Leistungen Patienten aufzudrängen, nur weil Geld fließt, hält Spies für unärztlich.
 
Mehr als ein, zwei Quartale könne er mit diesen Einnahmen seine Praxis aber nicht halten, sagt der Orthopäde. 15 Mitarbeiter wollen monatlich ihr Gehalt, dazu kommen Miete und andere Nebenkosten. Spies: "Das muss ich einkalkulieren. Kurzarbeit gibt es nicht, hat mir die Arbeitsagentur mitgeteilt. Privat habe ich alle Urlaube und Sonderausgaben gestrichen." "Der Patient spielt in diesem Honorarsystem keine Rolle mehr", sagt Wolfgang Herz, Vizechef der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Dass sie mit einer Pauschale abgespeist werden, treibt Ärzte auf die Barrikaden, um im Sinn ihrer Patienten für die wohnortnahe Versorgung zu kämpfen. Am Mittwoch treffen sie sich in der Stuttgarter Schleyer-Halle.
 
Müssten sich die gesetzlich Versicherten diesem Protest anschließen? Seit Januar zahlen sie 15,5 Prozent Krankenkassenbeitrag - Arbeitnehmer 8,2 Prozent ihres Brutto-Einkommens, ihre Arbeitgeber legen 7,3 Prozent dazu. 161,7 Milliarden Euro nahmen die Kassen 2008 ein. Dieses Jahr könnten es 170 Milliarden Euro sein. Dennoch klagen Ärzte und Krankenhäuser, müssen viele Patienten neben der Praxisgebühr für Arzneimittel, Therapien oder Hilfsmittel noch erhebliche, wenn auch - je nach Einkommen - begrenzte Zuzahlungen leisten. Wohin fließt das ganze Geld?
 
Für die Behandlung in den Arztpraxen gaben die Kassen vor 40 Jahren 22,7 Prozent aus. Jetzt sind es noch 15,1 Prozent. 1999 errechneten die Funktionäre des Systems, dass ein Praxisarzt für seinen Punktwert, mit dem seine Arbeit vergütet wird, 5,11 Cent erhalten muss, um über die Runden zu kommen und angemessen zu verdienen. Zehn Jahre später liegt dieser Wert bei 3,5 Cent. Hausärzte haben berechnet, dass sie bei einer 60-Stunden-Woche zurzeit 22 Euro pro Stunde verdienen, vier Euro weniger als ein beamteter Lehrer. Die Honorarsätze der Gebührenordnung der Ärzte, nach der bisher mit Privatpatienten abgerechnet wird, hat sich seit 1996 nicht mehr erhöht. Die Quersubventionierung von Kassenzuwendungen durch ertragreichere Privatabrechnung nimmt dadurch stetig ab.
 
Nach offizieller Statistik lag der Umsatz einer Arztpraxis je nach Fachgebiet zwischen 140 000 (Psychiater) und 440 000 Euro (Radiologe). Die Unkosten der Praxen belaufen sich auf 55 bis 80 Prozent. Ein Facharzt, der anonym bleiben will, berichtet, dass er monatlich 8000 Euro brutto verdient. Als Selbstständiger bezahlt er seine Kranken- und Altersversicherung komplett. Er muss dafür rund 20 Prozent mehr vom Gehalt abziehen als Arbeitnehmer. Nach Beiträgen für seine Berufsverbände bleiben ihm bei einem 12- bis 14-Stunden-Tag rund 3500 Euro netto.
 
Nicht schlecht? Um Facharzt zu werden, hat er fünf bis sechs Jahre studiert. Sechs Jahre dauert die Ausbildung in einer Klinik. In diesem Jahr sinkt seine Vergütung immerhin nur um fünf Prozent - das garantiert die kassenärztliche Vereinigung. Die Befürchtung vieler Ärzte: Junge Kollegen werden die Selbstständigkeit hierzulande meiden und stattdessen lieber ins Ausland ausweichen, wo bessere Bedingungen und mehr Einkommen winken. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erklärte vor einem halben Jahr: Dann kämen eben Ärzte aus Polen oder der Ukraine nach Deutschland.
 




Erscheinungsdatum: Freitag 06.03.2009

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