KULTURERBE / Besorgnis um das Wolfegger HausbuchEinzigartiger Einblick ins Spätmittelalter
Das Stuttgarter Wissenschaftsministerium hegt den Verdacht, dass das Mittelalterliche Hausbuch von Schloss Wolfegg rechtswidrig verkauft worden ist.
RAIMUND WEIBLE
WOLFEGG Johannes Fürst zu Waldburg-Wolfegg, der Chef des Adelshauses, muss eine Reihe von Schlössern und Kirchen unterhalten. Deshalb möchte er sich nun offenbar nach der Waldseemüllerschen Weltkarte auch vom Mittelalterlichen Hausbuch trennen. Oder hat es schon. "Das wäre ein Skandal", sagt Ellen Widder, Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Tübingen. Der Wert des Hausbuchs wird auf 20 Millionen Euro geschätzt.
Das Werk ist auf der Liste der nationalen Kulturgüter unter der Nummer 01404 eingetragen. Die Handschrift entstand um das Jahr 1480 und spiegelt den Interessenshorizont eines spätmittelalterlichen Adligen wider, vermutlich aus dem Umfeld des kurpfälzischen Hofes in Heidelberg. Die Handschrift ist nur fragmentarisch erhalten. Sie besteht aus 63 Blättern mit Texten und Zeichnungen. Der Name des Künstlers ist nicht bekannt, vermutlich waren mehrere daran beteiligt.
Experten rühmen die Qualität des Hausbuchs. Aus der Zeit des Mittelalters vor Dürer gebe es nichts seinesgleichen, sagt die Mediävistin Widder. Als einzigartig gelten die Einblicke in den Alltag der Menschen des Spätmittelalters. Die Bilder, die mit der Feder aufs Pergament gezeichnet wurden, erzählen von Turnieren, amourösen Abenteuern, Belagerungen, der Technik des Bergbaus und der Be- und Entwässerung. "Das ist Leonardo vor Leonardo", fasst Widder zusammen.
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg gab wegen der großen Bedeutung für die deutsche Geschichte bereits im 19. Jahrhundert ein erstes Faksimile des Hausbuchs heraus, einen Nachstich. Die Bibliothek selbst, so beklagte der Historiker Klaus Graf von der Technischen Hochschule Aachen, sei in den letzten Jahrzehnten der Wissenschaft nicht zugänglich gewesen.
1672 kam der Reichserbtruchsess Maximilian Willibald zu Waldburg-Wolfegg in den Besitz des Hausbuchs. Seitdem wird es im Schloss Waldburg aufbewahrt, mit weiteren Kleinodien wie dem Gebetbuch des "Bauernjörgs" (Listennummer 01407) und der Ptolemäus-Handschrift des Nicolaus Germanus (01408). Bis 2001 lagerte dort auch ein weiteres deutsches Kulturgut, die Weltkarte des Martin Waldseemüller, auf der der vierte Kontinent erstmals Amerika genannt wird.
Diese "Geburtsurkunde" Amerikas verkaufte Johannes Fürst zu Waldburg-Wolfegg mit einer Sonderausfuhrgenehmigung der Bundesregierung an die Kongressbibliothek in Washington, angeblich für zehn Millionen Dollar. Die Veräußerung stieß bei Kulturfachleuten auf heftige Kritik. Aus gleicher Provenienz wie die Weltkarte ist die ebenfalls verkaufte Carta marina.
Erscheinungsdatum: Donnerstag 07.02.2008
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