Ein Luder boxt sich nach oben
Christian Spucks abendfüllendes Handlungsballett "Poppea/Poppea" im Theaterhaus Stuttgart uraufgeführtChristian Spuck verpasst der Truppe Gauthier Dance mit "Poppea/Poppea" das erste abendfüllende Handlungsballett. Jubel im Theaterhaus.
WILHELM TRIEBOLD
Stuttgart Zuvor hatte Spuck, der als Choreograph am Stuttgarter Ballett groß wurde und demnächst das Zürcher Ballett übernimmt, der Tanzsparte des Stuttgarter Theaterhauses mit "Don Q." ein witziges Generationenduett spendiert. Altstar Egon Madsen und Dance-Chef Eric Gauthier durften sich austoben.
Wenn sich "Gauthier Dance" inzwischen längst in der Tanzhochburg Stuttgart verankert hat, liegt das eben auch an solchen Freundesgaben. Bezeichnend, dass Spuck dieses ambitionierte Stück nicht am Staatstheater (oder später in Zürich), sondern droben auf dem Pragsattel einrichtet.
Spuck ist vielleicht der abgründigste Seelensucher unter den jüngeren Choreographen, der vieles düster eingefärbt. So findet er auch in "Poppea/Poppea" betörend-verstörende Bilder in einer Dunkelkammer mit wenig Lichtblick. Im Mittelpunkt: Die machtversessene Mätresse Poppea, die den Palastneuroriker Nero hübsch um den Finger wickelt und sich so nach oben boxt.
Vor elf Jahren erzählte schon Jossi Wielers Stuttgarter Version der Monteverdi-Oper "L"incoronazione di Poppea" von diesem shakespeareschen Macht-Clinch. Spucks Tanzfassung schließt daran offenkundig an. Poppea ist mit der Tänzerin Garazi Perez Oloriz ein lüstern-unschuldiges Matratzen-Luder, das ihre Reize vor diesem Abgrund an spätrömischer Dekadenz entschlossen in Stellung bringt. Streckt sie den Arm aus, spritzen gleich die Herren herbei, um sie anschließend auf Händen zu tragen. Sie ist von Anfang an die (un)heimliche Herrscherin. Eric Gauthier wiederum zuckt als Nero über die Bühne: Im wachsenden Wahnsinn nicht so methodisch wie Peter Ustinov in "Quo vadis", aber doch eindrucksvoll. Nero schreitet, Nero schreit: Spuck entfernt sich teils vom reinen Tanz, lässt sogar das Medium Film auf der Bühne teilhaben, um mit einem gut eingestellten Ensemble, mit verblüffenden Wendungen und Windungen, doch immer wieder zurückzukehren zum Ausgangspunkt.
Die Musik ist ein Pultmischmasch aus verwerteten Monteverdi-Resten, dem traumverloren-spillerigen Motiv aus Schumanns Klavierstücken op. 82 und aus manch anderem. Mitunter wie ein Störmanöver, als würde sich das Vinyl einer Schallplatte in der allgemeinen Hitze auflösen. Auch dies ein kalkulierter Albtraum - aber wie der ganze Abend ein durchaus gelungener.
Info Weitere Vorstellungen im Stuttgarter Theaterhaus: heute, Samstag, 20 Uhr, und morgen, 19.30 Uhr. Dann wieder vom 20. bis 22. Juli.
Erscheinungsdatum: Samstag 03.07.2010
zurück zur Ressort-Übersicht