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ROCK / Storys aus der fiktiven Kleinstadt Greendale und Klassiker der Rockmusik
Von Rissen in der amerikanischen Idylle
Neil Young mit einem großen Soloprogramm und neuen Songs in der Stuttgarter Liederhalle

Mehr als zwei Stunden mussten die Fans von Neil Young warten, bis die Rocklegende endlich ihre Klassiker anstimmte. Doch der erste Teil des Stuttgarter Konzerts, in dem Young die neuen Stücke seines "Greendale"-Albums und Filmprojekts spielte, war sowieso weit spannender.

UDO EBERL

STUTTGART  Ein spezieller Abend mit Neil Young, solo und unplugged, ist auf den nicht eben günstigen Tickets angekündigt worden. Die Besucher im ausverkauften Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle merken rasch, dass hier einmal nicht zu viel versprochen worden ist. Der Songwriter, der seit der Ära mit den erfolgreichen Solo-Alben von Crosby, Stills, Nash & Young und endlosen Tourneen mit der Band Crazy Horse zurecht als Rocklegende bezeichnet wird, betritt die Bühne entspannt, fast schon schlurfend, orientiert sich. Dann macht er es sich zwischen seinen vier Westerngitarren, einem Flügel, dem guten alten Harmonium und einem Kneipenklavier bequem.
 
Die Bühne wird zum von Kerzen und wenigen Scheinwerfern beleuchteten Refugium, die Zuschauer zum Freundeskreis, der gebannt den neuen Geschichten des 57-Jährigen lauschen darf. Alt-Hippies, Schlipsträger, junge Fans, die durch Youngs Zusammenarbeit mit Pearl Jam auf den Mann mit den breiten, buschigen Koteletten und der ewig gleichen Haarfresser-Frisur gestoßen sind, nimmt der Geschichtenerzähler mit auf eine Reise. Diese führt nach Greendale, einer fiktiven Kleinstadt an der Küste, die Mittelpunkt eines erst im Spätsommer erscheinenden Albums und eines Films mit Laiendarstellern sein wird. Im Internet auf http://www.neilyoung.com kann man bisher nur die gezeichnete Ansicht von Greendale sehen, im Konzert erfährt man, dass die ländliche Idylle rissig ist. Die gesellschaftlichen Extreme werden in der Provinz noch sichtbarer, der ganz normale Wahnsinn auch als solcher erkannt.
 
Eine Familie entgleist
 
Eine Familie in Greendale entgleist, denn der Sohn erschießt im Drogenrausch einen Polizisten, die Medien fallen über die Großeltern her und Sun, die Tochter, wehrt sich fortan gegen Krieg und korrupte Politiker. Stress im Land der glücklichen Witwen, und der Teufel wütet in Alaska als Ölkonzern. Aber da gibt es auch den Maler, dem plötzlich das Bild seines Lebens gelingt. "Eines Tages wirst du all das finden, nach dem du immer gesucht hast", singt Neil Young mit kräftiger Stimme und verblüfft zwischen zeitlos schönen Songs, die ihn auf der Höhe seines Schaffens zeigen, mit immer neuen Storys und manch zynischer Wendung. Da passt es, dass der nimmermüde Protestsänger beim Erzählen scheinbar gedankenverloren vor sich hin klimpert oder mit Kindheitserinnerungen an den Vater, den Schriftsteller, oder den Tod des Großvaters überrascht.
 
Fast zwei Stunden verweilen Young und die Fans in Greendale, dann packt er seine Klassiker aus. "Carry on", von einer weiblichen Verehrerin beharrlich gewünscht, wird der sich köstlich amüsierende Star natürlich nicht bringen, "denn da habe ich doch nur Gitarre gespielt", doch dafür dann "Dont let it bring your down" und "After the Goldrush" in wunderbar reduzierten Versionen. Den "Old Man", der er sowieso nicht zu sein scheint, lässt er aufleben, und das Programm-Finale entsteht quasi ganz spontan. "Was könnte ich jetzt noch spielen?", fragt er sich, vor seinen Gitarren stehend. In Stuttgart ist es dann das eindringliche "War of man".
 
Ganz nah dürfen seine Fans, die zum Bühnenrand drängen und gestoppt werden, nicht an den nur scheinbar greifbaren Star heran. Zum Trost gibt es noch das umjubelte "Heart of Gold" mit auf den Weg. Knapp drei Stunden Neil Young intensiv. Ein Genuss.
 




Erscheinungsdatum: Freitag 09.05.2003

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