WETTER / Landwirte beobachten bei Getreide und Gras einen WachstumsstillstandDie Dürre ist die Höchststrafe
Bewässern der Erdbeeren und Kartoffeln sichert die Ernte - Schlaflose NächteDie Bauern im Land stöhnen wegen der anhaltenden Trockenheit. Besonders auf flachgründigen Böden haben die Pflanzen das Wachstum eingestellt und dörren aus. Eine Missernte droht, wenn es nicht bald kräftig regnet. Viele Bauern mit Sonderkulturen behelfen sich mit künstlicher Bewässerung.
RAIMUND WEIBLE, HANS GEORG FRANK
Benedikt Senn hat normalerweise wenig Zeit, Fernsehen zu schauen. Doch in den vergangenen Tagen schaltet der Landwirt aus dem oberschwäbischen Ostrach das Gerät mehrmals am Tag an und ruft den Videotext des Schweizer Fernsehens ab. Dort erhält er einen detaillierten Wetterbericht für die Ostschweiz. "Die Ostschweiz ist für uns im Oberland maßgebend", sagt der 32-jährige Agraringenieur.
Die Meteorologen des eidgenössischen Kanals haben in den vergangenen vier Wochen prognostiziert, was auch ihre deutschen Kollegen vorhergesagt haben: Schönes Wetter. Zu schön für die Landwirtschaft. Der tägliche Sonnenschein, hohe Temperaturen und ein beständig wehender Ostwind haben die Böden ausgetrocknet. Auch die Felder von Senn, der Gerste und Weizen als Futter für seine 20 000 Legehühner anbaut. Besonders die Wintergerste reagiert gestresst. Die Dürre veranlasst das Getreide zu vorzeitigem Ährenschieben. Schon ist die Granne sichtbar. Ein schlechtes Zeichen. Die Pflanzen sind um Wochen zu früh dran. Wenn nicht am Wochenende Regen fällt, meint Senn, muss er mit hohen Ernteausfällen bei der Gerste rechnen. Beim Weizen, der weniger Wasser benötigt, ist die Situation noch nicht ganz so kritisch. Der könne eher noch aufholen, meint Senn.
Die Dürre schädigt auch das Grünland. Waldemar Westermayer aus Leutkirch beobachtet auf seinen Wiesen im Allgäu einen Wachstumsstillstand. "Das ist bedenklich, was da abgeht", sagt der Vorsitzende des Bauernverbands Allgäu-Oberschwaben. Zwar hat er noch genug Futter für seine 45 Kühe und 25 Kalbinnen. Der Heuvorrat reicht bis Juli. Kollegen seien schlechter dran. Wer beim heutigen Milchpreis Heu zukaufen muss, der zahlt drauf.
Paul Ummendorfer hat vor sieben Jahren eine kluge Entscheidung getroffen. Der Landwirtschaftsmeister aus dem kleinen Dorf Schwarzenbach im Kreis Ravensburg schaffte sich damals eine Beregnungsanlage für seine Erdbeeren, Himbeeren und Kirschbäume an. "Das war die beste Investition, die ich machen konnte", sagt der 52-Jährige. Bis 1995 konnte er seine Erdbeeren noch ohne Beregnung ziehen. Danach kamen immer häufiger trockene Phasen. Und nun die bisher härteste. "Wenn ich jetzt nicht beregnet hätte, wären die Verluste nicht mehr aufzuholen."
Drei Wochen früher
Zwischen Sonntag und Mittwoch beregnete er jeweils nachts sein drei Hektar großes Erdbeerfeld am Rand von Schwarzenbach. Freilich, eine automatische Anlage konnte er sich bisher nicht leisten. Nachts um zwölf, morgens um drei und schließlich um sechs Uhr läutet der Wecker und erinnert Ummendorfer daran, dass er raus muss aufs Feld, um die Beregnungsanlage umzustellen. Der Erfolg stellt sich ein. Die frühe Sorte Karina bildet, drei Wochen früher als sonst, große Früchte. "Ab dem 10. Juni kann ich ernten", sagt Ummendorfer. Bezahlen muss er den Erfolg mit schlaflosen Nächten.
Wie Ummendorfer in Oberschwaben, ergeht es auch Gebhard Steng (39) im Unterland. Der Landwirt aus Lauffen am Neckar muss seine Kartoffeläcker bewässern, wenn er eine ordentliche Ernte der frühreifen Knollen einbringen will. Gegen 20 Uhr wird er losziehen und die Dieselaggregate anwerfen, damit sie Wasser aus dem Neckar pumpen und über ein Rohrsystem auf 18 Hektar verteilen. Auch drei eigene Brunnen muss Steng anzapfen. Der Speicher direkt neben dem Aussiedlerhof mit einem Fassungsvermögen von 1500 Kubikmetern wird am Morgen ebenfalls leer sein.
Steng ist weit entfernt, von einer Katastrophe zu sprechen, aber ihn schlaucht die Mehrarbeit. Wenn es gut läuft, wird er noch zwei Stunden schlafen können, ehe er morgen früh wieder an die Arbeit geht. "Die Trockenheit ist für uns Bauern die Höchststrafe", philospophiert er, während er die Wachstumsfortschritte der Sorte Annabelle begutachtet: "Die Qualität ist super." Der Aufwand hat sich gelohnt. Am 15. Mai wird planmäßig mit der Ernte begonnen.
Wie sehr die Kartoffeln auf die Nässezufuhr angewiesen sind, zeigt sich an jenen Stellen, die nicht gleichmäßig beregnet wurden. Dort ist das Kraut ungleich niedriger als in den kontinuierlich bewässerten Reihen. Spätere Sorten müssen größtenteils mit der Feuchtigkeit auskommen, die sie dem Boden entnehmen können. Reicht die Ration nicht, stellen sie das Wachstum ein.
Mark Mitschke, amtlicher Berater in Heilbronn, hat errechnet, dass bei einer Beregnung auf jeden Hektar 250 000 Liter Wasser verteilt werden müssen. "Das entspricht einem finanziellen Mehraufwand von rund 250 Euro." Diese "Regengabe" ist spätestens alle drei Tage nötig. Seniorchef Gerhard Steng (71) hat einen solch trockenen April noch nicht erlebt - kein Wunder: Zuletzt herrschten in der Gegend 1893 ähnliche Verhältnisse.
Wenigstens machen die Reben den Stengs keine Sorgen. Noch nicht. Die an Temperaturextreme gewöhnte Schlingpflanze steckt die Trockenheit weg, unter der Hitze hat sie einen Vegetationsvorsprung von drei Wochen entwickelt. Ginge es so weiter, wäre die Traubenlese im August. "Ich stelle mich darauf ein, dass das Wetter immer verrückter wird", sagt Gebhard Steng. Klagen mag er nicht. "Denn wenn wir wüssten, wie der Mai wird, würden wir jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen."
Gestern, 13 Uhr: Benedikt Seng verfolgt wieder die Schweizer Wettermeldungen. Der Sprecher kündigt Regen für Freitagabend an. Seng schaut hoffnungsvoll drein.
Erscheinungsdatum: Freitag 04.05.2007
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