SÜDWEST AKTIV > Land und Welt > Im Brennpunkt
Ihre Ansprechpartner Impressum
Anmeldung für...
SÜDWEST PRESSE - ein starker Verbund

Artikel per E-Mail versenden Artikel drucken Schrift größer Schrift kleiner


SERIE / Die Fotografin Bettina Flitner porträtiert die wichtigsten Politikerinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen Europas
Begegnungen mit starken Frauen

Mit ihrem Projekt "Europäerinnen" zeigt die Fotografin Bettina Flitner Frauen, die in der EU Geschichte schreiben. Sie heftet sich an die Fersen von Frauen, die über alle Grenzen hinausdenken. Ihre Porträts reichen von Kanzlerin Angela Merkel bis zur Operndiva Ilona Tokody.

SABINE SEEGER, BRÜSSEL

Vergangenes Wochenende ist sie eben mal rübergefahren nach Paris. Die Wahl des Staatspräsidenten hatte sie angezogen. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, für wen sich die Franzosen entscheiden. Dass in dem Rennen "Ségo" gegen "Sarko" eine Frau im Spiel war, dürfte für Bettina Flitner nicht nebensächlich gewesen sein. Denn die Fotografin aus Köln nimmt Frauen ins Visier, die Geschichte machen. So wie Ségolène Royal, die es fast geschafft hätte, als erste Frau zur Staatspräsidentin der "Grande Nation" aufzusteigen. "Ich war beeindruckt, mit welcher Leidenschaft die Franzosen bei dieser Wahl mit dabei waren", gesteht die Beobachterin. "Ganz Paris war wie im Rausch."
 
Seit Jahren heftet sich Bettina Flitner an die Fersen von Frauen, die über alle Grenzen hinausdenken, Hürden überwinden und Neues wagen. Ihr Werkzeug ist der Fotoapparat. Mit ihm zeichnet sie Porträts, die nicht vergängliche Illustrierten-Schönheit zeigen, sondern Charaktere. Sie will die Persönlichkeit "der bedeutendsten, interessantesten, wichtigsten Frauen in Europa" ins rechte Licht rücken. Dazu gehören Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen. "Frauen, die den Ton angeben, wie die englische Dirigentin Sean Edwards. Die Männer schachmatt setzen wie die ungarische Schachmeisterin Judit Polgar." Insgesamt 48 Porträts bilden eine Ausstellung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im März in Brüssel eröffnet hat.
 
Von dort wird die Schau der starken Frauen quer durch Europa ziehen, selbst in Istanbul werden die Porträts erwartet. Vielleicht sind sie dann vollständig: Denn noch fehlen Köpfe aus den neuen Mitgliedstaaten, Macherinnen aus Rumänien und Bulgarien. Eine von ihnen ist so europäisch, wie man europäischer nicht sein kann: Meglena Kuneva. Die 50-jährige Juristin war Chefunterhändlerin Sofias bei den Beitrittsverhandlungen ihres Landes. Seit Januar kämpft die Expertin für Umweltrecht als EU-Kommissarin für die Rechte der Verbraucher.
 
Der Anfang der Sammlung reicht ins Jahr 2000 zurück. Schon damals arbeitete Bettina Flitner für die Zeitschrift "Emma". Eines Tages sollte ein Bericht über Christiane Nüsslein-Volhard ins Magazin. Die Biologin ist Nobelpreisträgerin für Medizin. Allein es fehlte ein Foto. Flitner forschte und stellte fest: Von prominenten Männern gibt es viele interessante Fotos, von prominenten Frauen so gut wie keine. Den letzten Anstoß gab der Bildband "Amerikanerinnen" ihrer Kollegin Annie Leibovitz. Das Projekt "Europäerinnen" war geboren. "Ein dreiviertel Jahr lang habe ich in Europa recherchiert, habe Botschaften angeschrieben, Auslandskorrespondentinnen kontaktiert, Goethe-Institute befragt." Es kam eine Flut von Faxen, Mails, Briefen. Alleine 50 Namen aus Italien und Frankreich.
 
Zu ihrem großen Erstaunen entdeckte die Porträtistin in Amsterdam einen Namen, den sie schon in der Schule gehört hatte: Miep Gies. Die Frau, die die deutsch-jüdische Familie Frank versteckt und das Tagebuch der Anne Frank gerettet hatte, war noch am Leben. Sie sollte die erste sein, denn die Zeit drängte. Die couragierte Helferin, die Kopf und Kragen riskierte, um ihre Freunde zu retten, war immerhin schon 94. Dem Treffen mit ihr sollten unvergessliche Begegnungen folgen: mit Benoite Groult, der Autorin von "Salz auf unserer Haut" in der Bretagne; mit dem ehemaligen Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, der finnischen Ökonomin und Hobby-Bauchtänzerin Sirkka Hämäläinen in Frankfurt. Mit der französischen Ex-Europaministerin und Astronautin Claudie Haigneré im ESA-Raumfahrtzentrum in Köln. Mit der Mafia-Jägerin Letizia Battaglia in Palermo. Und mit Angela Merkel.
 
Zur beeindruckendsten Reise wurde ein Abstecher nach Kalabrien. In Reggio Calabria traf sie Baronessa Teresa Cardopatri - nach vielen Telefonaten mit den Carabinieri, nach Genehmigungsverfahren bei der Polizei. Seit 1963 kämpft die Italienerin gegen die Paten der "ehrenwerten Gesellschaft", gegen die Mafiosi, die ihr ihren Grundbesitz streitig machen. Ihre Angehörigen sind tot, ermordet. Sie lebt noch. Die Polizei beschützt sie, auch beim Fototermin mit Bettina Flitner. "Da sperrten die Sicherheitskräfte sogar den Strand ab." Die Besucherin ist erschüttert. "Dass so etwas in Europa noch möglich ist!"
 
Auf ihren Reisen entdeckt sie unsichtbare Fäden, die Europa auf unscheinbare Weise verbinden. Etwa Polen, die fließend ganz selbstverständlich Französisch sprechen und Ungarn, die des Deutschen mächtig sind. Sie findet Geschlechtsgenossinnen, deren Biographien so europäisch sind wie ihre eigene. Flitner wurde 1961 in Köln geboren, ging in der Domstadt wie im italienischen Perugia zur Schule, arbeitete als Au-Pair-Mädchen in Rom. Sie studierte an der "Deutschen Film- und Fernsehakademie" in Berlin, um als Autodidaktin bei der Fotografie zu landen.
 
Europa bedeutet für sie, zwischen Schweden und Sizilien, dem Schwarzen Meer und dem Atlantik leben und arbeiten zu können. "Ich bin es von Kindheitstagen gewohnt, viel umzuziehen." Die EU ist für sie nicht nur Chance für morgen, sondern ganz selbstverständliches Arbeitsfeld von heute.
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 15.05.2007

zurück zurück zur Ressort-Übersicht