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KRIEGSFOLGEN / Zwei Millionen Iraker sitzen ohne Hoffnung auf Zukunft in den Nachbarstaaten fest
Flucht in eine ausweglose Falle
Vor allem für die Angehörigen nicht-islamischer Minderheiten gibt es kein Zurück

Zwei Millionen Menschen haben den Irak in den vergangenen Jahren verlassen. In den Nachbarstaaten sollen sie nicht bleiben. An Rückkehr denken viele Flüchtlinge dennoch nicht. Sie gehören zu Minderheiten, denen im Irak Hass entgegenschlägt. Er war der Grund ihrer Flucht.

STEFAN KEMPIS

Gabriel F. kommen heute noch die Tränen, wenn er von den Umständen seiner Flucht aus Bagdad im Frühjahr erzählt. "Eines Abends kamen Islamisten in unser Viertel, schossen in die Luft und schrien, wir würden alle umgebracht, wenn wir uns nicht zum Islam bekehren. Und unsere Töchter sollten wir ihnen ausliefern." Der syrisch-orthodoxe Christ, der in Bagdad ein Schuhgeschäft betrieb, fackelte nicht lange: Er packte seine Habe zusammen und floh wenige Stunden später mit seiner ganzen Familie per Bus über die Grenze.
 
"Meine Familie hat seit Menschengedenken im Irak gelebt, und unter Saddam ging es uns gar nicht so schlecht. Aber jetzt - das ist die Hölle. Für uns gibt es kein Zurück." F. mietete sich vom Ersparten eine kleine Wohnung in der syrischen Hauptstadt Damaskus, hoffte, bald weiterreisen zu können in den Westen - und sitzt stattdessen mit seiner Familie in der Falle: Keine Arbeitserlaubnis, keine Schule für die Kinder, kein Zugang zu Krankenhäusern oder Sozialleistungen, keine Aussichten. Und bald kein Geld mehr. Er ist kein Einzelfall.
 
Es ist eine der größten Flüchtlingskatastrophen unserer Tage - die größte im Nahen Osten seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Mehr als zwei Millionen Menschen sind in den vergangenen Jahren aus dem Irak geflohen, darunter viele, die zu einer nicht-islamischen Minderheit gehören. Und der Exodus geht täglich weiter. Es ist eine fast unsichtbare Katastrophe, denn die Irak-Flüchtlinge und -Vertriebenen, von denen viele Christen sind, sitzen nicht fernsehgerecht in Flüchtlingslagern. Sie öffnen auch keine aus der Luft abgeworfenen Care-Pakete. Stattdessen mieten sie sich erst mal ganz regulär ein Appartement in Damaskus oder in Jordaniens Hauptstadt Amman. Dort findet man sie, Dienstbotentreppe, sechster Stock unterm Dach, die ganze Familie oft in einem Raum zusammengepfercht. Arbeiten dürfen sie in ihrer neuen Umgebung nicht, sie werden - in Syrien, Jordanien, dem Libanon oder der Türkei - nur als "Gäste" geduldet, die bitte bald weiterziehen. Neue Visabestimmungen und manche Schikanen zeigen, dass den Behörden langsam die Geduld mit ihnen ausgeht.
 
Die Schuld des Westens
 
"Eigentlich müsste sich der Westen um unsere Flüchtlinge kümmern", meint der syrisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien, der aus dem Irak stammt, und nimmt in seiner Residenz hoch über Damaskus einen Schluck aus der Mokkatasse: "Der Westen ist doch schuld am Irak-Krieg und an unserer ganzen Misere. Öffnet eure Tore! Und kommt uns nicht mit Gesetzen. Die respektieren wir, aber die sind doch nicht gottgemacht, sondern lassen sich ändern." Das sieht das Oberhaupt der kleinen und im Westen fast unbekannten Religionsgemeinschaft der Mandäer ganz ähnlich. Der heilige Mann, ein Brillenträger mit Bart und weißer Tunika, sitzt in einem Garten in Damaskus und berichtet: "Vor dem Krieg waren wir 35 000, jetzt sind dort noch etwa 5000 übrig. Und die haben Angst, sich als Mandäer erkennen zu geben, um den Zorn fanatischer Moslems nicht herauszufordern. Wenn wir geflohenen Mandäer nicht als geschlossene Gruppe ins europäische oder US-Exil ziehen können, dann ist unsere Religion nach zwei Jahrtausenden am Ende."
 
Nicht weit vom alten Prunkbahnhof der "Hidschas"-Bahn in Damaskus liegt ein staubiges Stadtviertel, das von eingemieteten Irakern nur so wimmelt. "Wir kommen aus Mossul", sagt ein Familienvater mit schwarzem T-Shirt und verhärmten Zügen. "Im Sommer 2006 wollten die Islamisten, dass meine Kinder in der Schule auf den Koran schwören. Sie haben uns bedroht: Entweder, wir werden Moslems, oder wir werden alle umgebracht. Da sind wir geflohen." Eine andere Familie, drei Häuser weiter, zeigt ein Flugblatt, das eines Tages im Frühjahr an ihrer Bagdader Haustür klebte: "Ihr Hundesöhne, unterwerft euch und werdet Moslems, oder verlasst das Land binnen 24 Stunden." Gezeichnet: "Islamisches Volks-Tribunal Bagdad." Die Horrorgeschichten ähneln sich.
 
"Jetzt sitzen wir hier und warten", sagt ein Mann aus Samarra, der vor drei Jahren flüchtete und jetzt mit seiner fünfköpfigen Familie in einem Zimmer haust. "Eigentlich bräuchten wir ein neues Visum, aber dafür müsste ich in den Irak zurückreisen. Davor habe ich Angst. Viele kommen nicht mehr zurück." Ob er schon beim UN-Flüchtlingsdienst UNHCR registriert ist? Nein, die haben ihm nur einen Termin gegeben: Nächstes Jahr, im Februar.
 
Ganz einfacher Wunsch
 
Im Hinterhof-Zimmer einer christlichen Schwesterngemeinschaft in Amman (Jordanien) sitzen Flüchtlinge zusammen. Auf die Frage, wo sie gerne hinwollen, müssen sie nicht lange überlegen: "Imrika!", nach Amerika. Zurück an Euphrat und Tigris zieht es keinen, dort herrschen, so sagen sie, jetzt die islamischen Fanatiker und basteln am Gottesstaat. "Was sollen wir denen denn entgegensetzen? Wir haben keinen Beschützer im Irak, keine eigene Miliz." Ihr Wunsch: ein normales Leben: Arbeit, Schule für die Kinder. "Mein Mann war Taxifahrer", erzählt eine Frau mit langen schwarzen Haaren. "Sie haben ihn entführt und ermordet, und dann riefen sie mich ein paar Tage später über sein Handy an, wir könnten uns seine Leiche abholen. Sie haben uns dann immer wieder angerufen und bedroht."
 
In den weichen Foyersesseln der Hotels in Amman trifft man schnell Leute, die über Nacht aus Mossul gekommen sind oder nach Bagdad zurückwollen. General S.O. zum Beispiel: Das frühere Mitglied von Saddams engem Führungszirkel ist ein wichtiger Stammesführer aus dem Raum Mossul. "Besuchen Sie mich doch in Mossul", sagt er. "Ich verspreche Ihnen, dass Ihnen kein Härchen gekrümmt wird." Hinter der Verfolgung der Minderheiten und einem großen Teil des Terrors stecken aus seiner Sicht die Iraner: "Die sickern vom Osten her in den Irak ein und versuchen, das Land dauerhaft zu schwächen. O. sieht sein Land zum Spielball auswärtiger Mächte geworden. Ob ein Teil der Flüchtlinge irgendwann mal in den Irak zurückkehren kann? "Ich weiß es nicht. Erst kommt die Auseinandersetzung mit dem Iran."
 
"Aber die Flüchtlinge müssen zurück. Hier können sie nicht bleiben", sagt ein freundlicher älterer Herr. Er wird im streng bewachten Innenministerium als Vizeminister vorgestellt. "Wir Jordanier können nur kosmetische Lösungen anbieten", meint er. Die Anwesenheit der Flüchtlinge in Jordanien sorge für steigende Preise und, naja, auch für wachsende Sicherheitsbedenken: "Wir stoßen an die Grenzen dessen, was wir für sie tun können. Unsere Sicherheit ist für unser Königreich oberstes Gebot." Dauerhaft ließen sich die ungebetenen Ankömmlinge keinesfalls im kleinen Jordanien integrieren, sonst könnte das heikle innere Gleichgewicht des Wüstenstaates außer Kontrolle geraten. In Syrien oder dem Libanon hört man das gleiche Argument.
 
"Die christlichen Minderheiten hier im Nahen Osten sind zum Teil selber schuld an ihrem Los", meint ein Libanese in Amman. "Die hängen sich hier immer an den Herrscher und sind übertrieben loyal. Und die Regierenden, die selbst oft aus einer Minderheit kommen, stützen sich auf solche Minderheiten, um die Mehrheit in Schach zu halten. Saddam zum Beispiel: ein Sunnit, kein Schiit wie die Mehrheit im Irak. Oder Assad in Syrien: ein Alewit, kein Sunnit. Aber dann stürzt der Herrscher und man wirft die Minderheiten hinaus. Sollte das Assad-Regime eines Tages kippen, werden auch die syrischen Christen das Land verlassen müssen. Dann ist es binnen weniger Jahre aus mit der jahrtausendealten christlichen Präsenz am Euphrat."
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 20.11.2007

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