GESUNDHEIT / Die Ständige Impfkommission empfiehlt und die Krankenkassen müssen bezahlenGute Verbindungen zu den Herstellern
Die jüngste Gesundheitsreform hat gesetzlich Versicherten einen neuen Anspruch beschert: Krankenkassen müssen Impfungen bezahlen, die die Ständige Impfkommission empfiehlt. Dass alle ihre Mitglieder unabhängig entscheiden, bezweifeln aber nicht nur die Kassen.
KLAUS-PETER GÖRLITZER
Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. Doch allgegenwärtig sind eindringliche Appelle wie dieser: "Liebe Eltern, mit der Entscheidung, Ihr Kind impfen zu lassen, schützen Sie die Gesundheit Ihres Kindes, aber auch die anderer." Der Satz steht so in einem "Ratgeber" der Hamburger Gesundheitsbehörde. Die Broschüre plus "Impfkalender" gegen zehn ansteckende Krankheiten erschien Anfang 2006 - und war kurz darauf schon nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Ständigen Impfkommission (Stiko). Dieses ehrenamtliche Expertengremium, berufen vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) und angesiedelt beim Robert-Koch-Institut (RKI), hat hierzulande die Aufgabe, "Empfehlungen zur Durchführung von Schutzimpfungen" zu erarbeiten. Das tut die Stiko reichlich; Mitte 2006 erhob sie zwei weitere Impfungen zum Standard. Allen Säuglingen und Kleinkindern rät sie zur Immunisierung gegen Pneumokokken und Meningokokken. Im März 2007 ließ die Stiko eine viel beachtete Empfehlung folgen, gerichtet an Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren: Sie sollten sich gegen zwei Typen der Humanen Papilloma-Viren (HPV) impfen lassen. Sie stehen im Verdacht, Gebärmutterhalskrebs auszulösen. Wie lange der Impfschutz wirkt, ist unbekannt.
Die Stiko-Empfehlung kam wenige Tage vor Inkraftreten des "GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes" am 1. April. Die Reform verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen, alle Impfungen zu bezahlen, welche die Stiko für empfehlenswert hält. Im April war erst ein Impfstoff gegen HPV auf dem Markt, das Produkt namens Gardasil war ein halbes Jahr vorher zugelassen worden. Eine komfortable Situation für den Hersteller Sanofi Pasteur, der pro geimpfter Person 465 Euro von den Kassen verlangt. Der Umsatz von Gardasil ist hierzulande spitze: Rund 28 Millionen Euro sollen es allein im August gewesen sein, bilanziert die Consultingagentur IMS Health in ihrem aktuellen Bericht zum Pharmamarkt. Der Wettbewerb dürfte bald härter werden: Ende September meldete der Pharmakonzern GlaxoSmithKline die Zulassung für seinen Impfstoff Cervarix, der ebenfalls vor Gebärmutterhalskrebs schützen soll.
"Bei voller Umsetzung der StikoEmpfehlungen", orakelten die gesetzlichen Krankenkassen in einer Stellungnahme zur Gesundheitsreform, "ist mindestens von einer Verdreifachung der Ausgaben auszugehen." Mit jährlichen Mehrkosten von rund 1,6 Milliarden Euro sei zu rechnen. Und die Kassen fügten hinzu: "Die Stiko steht in guter Verbindung zur Industrie. Teils mussten Empfehlungen wegen nachträglich erkannter Risiken zurückgenommen werden." Ross und Reiter nannten die Kassen jedoch nicht.
Wer nachforscht, stößt auf Auffälligkeiten, angefangen beim langjährigen Stiko-Vorsitzenden Heinz-Josef Schmitt. Der Mainzer Professor erhielt im Juni 2006 den Helmut-Stickl-Preis - für sein "besonderes Engagement zur Förderung des Impfgedankens". Stifter der mit 10 000 Euro dotierten Auszeichnung ist der Gardasil-Hersteller Sanofi Pasteur.
Die Seite gewechselt
Im September 2007 legte Schmitt den Stiko-Vorsitz nieder, der Ärztezeitung sagte er zur Begründung: "Inzwischen habe ich mich entschieden, ganz in die Industrie zu wechseln und für den Impfstoffhersteller Novartis Vaccines und Diagnostics tätig zu werden."
Zurzeit amtieren16 Stiko-Mitglieder. Die meisten von ihnen tauchen auch auf Internetseiten auf, die von Impfstoffproduzenten bezahlt werden. So bedankt sich GlaxoSmithKline auf seiner Website http://www.gesundes-kind.de für die wissenschaftliche Beratung durch Professor Fred Zepp. Beim "Forum Impfen", finanziert von vier Impfstoffherstellern, machen gleich fünf Stiko-Mitglieder mit: Frank Falkner von Sonnenburg, Christel Hülße, Friedrich Hofmann, Wolfgang Jilg, Ursel Lindlbauer-Eisenach. Die Unternehmen Baxter, Novartis Behring und Wyeth unterstützen die Arbeitsgemeinschaft Meningokokken beim Deutschen Grünen Kreuz. Aus der Stiko dabei ist Jan Leidel, hauptberuflich Leitender Medizinaldirektor des Kölner Gesundheitsamtes. Vielbeschäftigt ist das Stiko-Mitglied Ulrich Heininger: Der Professor aus Basel erklärte in Autorenangaben zu mehreren seiner wissenschaftlichen Aufsätze, er habe Honorare von Impfstoffherstellern für Vorträge und Beratungstätigkeiten sowie finanzielle Unterstützung für Forschungsprojekte erhalten.
Hinweise auf solche Nebentätigkeiten findet man im Fachblatt "arznei-telegramm", das keine Anzeigen von Pharmafirmen druckt. Oder auf der Homepage des Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidung, deren Mitglieder für unabhängige Aufklärung zu Impfungen eintreten. Das RKI hingegen gibt bisher keinerlei Hinweise auf potenzielle Interessenkonflikte von Stiko-Mitgliedern bekannt.
Das könnte sich bald ändern. Auf parlamentarische Nachfrage der Grünen-Abgeordneten Birgitt Bender (Stuttgart) hat die Bundesregierung jedenfalls angekündigt, das RKI werde eine "erste Veröffentlichung" von Angaben, die auf Selbstauskünften der Stiko-Mitglieder beruhen, bis zum Jahresende im Internet publizieren. Die geheime Wahl des neuen Stiko-Vorsitzenden fand im November statt. Zu Schmitts Nachfolger wurde der Wuppertaler Prof. Hofmann erkoren, als neuer Stellvertreter fungiert der umtriebige Prof. Heininger.
Mehr "Verfahrenstransparenz" bei der Stiko hält das Bundesgesundheitsministerium zunächst für unnötig. Geheim bleiben sollen nach wie vor Tagesordnungen, Themen, Methoden, Beratungsverlauf, Kontroversen und Abstimmungsergebnisse der Ständigen Impfkommission; veröffentlicht werden sollen nur die abschließenden Empfehlungen und Begründungen. "Ob der Ausschluss von Mitgliedern mit potenziellem Interessenkonflikt in der Praxis auch funktioniert, lässt sich daher nicht nachvollziehen", schlussfolgert das von der Pharmaindustrie unabhängige "arznei-telegramm".
Erscheinungsdatum: Donnerstag 10.01.2008
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