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Braune Szene schreckt vor nichts zurück

Die Demonstration nach dem Mord an Michelle in Leipzig war alles andere als spontan. Rechtsextreme Gruppen haben sie gezielt vorbereitet.

HARALD LACHMANN

Entsetzen und Wut lagen über der Demonstration von rund 600 Leipzigern, als diese am Freitag anklagend durch das Problemviertel Reudnitz im Osten der Stadt zogen. Anschließend versammelten sie sich zu einer Kundgebung. Erst wenige Stunden zuvor war es zur Gewissheit geworden, dass die achtjährige Michelle, die ihre Eltern seit Montag vermissten, das Opfer einer Straftat geworden war. Zornig forderten die Teilnehmer auf großen Transparenten "Todesstrafe für Kinderschänder". Von einer Spontandemonstration war die Rede.
 
Doch das war der Trauerzug nicht. Einer, der in der ersten Reihe lief, war Isztvan Repaczki. Der junge Mann outete sich plötzlich als Onkel der Ermordeten. Insider kennen den rothaarigen Repaczki, der offiziell im bayerischen Schliersee bei München gemeldet ist, allerdings auch als einen Aktivisten der Leipziger Gruppe "Nationale Sozialisten". Wiederholt hatte er schon rechte Demonstrationen angemeldet.
 
Mittlerweile räumt die rechte Szene ein, die "spontane" Demonstration gezielt geplant und vorbereitet zu haben. Man rühmt sich auf Internetseiten, innerhalb kürzester Zeit Megaphone, Fahnen, Transparente und Fackeln organisiert zu haben. Rasch hatte man auch andere rechte Gruppen aus Sachsen und weiteren Bundesländern angefunkt. Noch am Abend rückten Thüringer Rechtsextreme an.
 
Stolz spricht auf den "nationalen" Homepages auch aus der Tatsache, dass sich viele Eltern auch dann noch dem Zug angeschlossen hätten, als er sich als offen neonazistisch entpuppte. "Sie wussten also, wer das hier alles organisiert", freuen sich die braunen Internet-Blogger. Zudem frohlockten sie darüber, dass angesichts des traurigen Geschehens auch jene, die auf ihren Hemden "Kein Bock auf Nazis" stehen hatten, pietätvoll schwiegen.
 
Seit Längerem hat die rechtsextremistische Szene das Thema Kinderschändung für sich entdeckt. Sie instrumentalisiert es gezielt. Auch in Landtagsdebatten fordern sächsische NPD-Funktionäre "schärfere Gesetze" und die Todesstrafe für Kinderschänder. So hatte die Polizei Mitte der vergangenen Woche die Ermordung von Michelle noch nicht einmal bestätigt, als der Fraktionschef im Dresdener Landtag, Holger Apfel, von einem "erneuten Fall eines Kindesmissbrauchs mit Todesfolge in Leipzig" sprach und sich zum Sprachrohr der "berechtigten Empörung der Bürger" machte. Zuvor hatten sich rund 80 rechtsgerichtete Jugendliche im Stile einer Bürgerwehr an der Suche nach dem Mädchen beteiligt.
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 26.08.2008

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