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Bienen weg, Honig im Müllofen
Der ungleiche Kampf eines Imkers gegen den Freistaat Bayern und einen Gentech-Konzern

Imker Bablok kann wegen zwei Urteilen sein Hobby kaum mehr ausüben. Zuerst musste er sein Bienenhaus leeren, weil in der Nähe Genmais wuchs. Als er im Honig genveränderte Pollen fand, hieß es: Unverkäuflich.

MARTIN HOFMANN

Umtriebig im besten Wortsinn ist Karl Heinz Bablok. Der 52-Jährige ist Schlosser von Beruf, Familienvater, betreibt nebenher eine Imkerei und sitzt im Rat der 4150 Einwohner zählenden Marktgemeinde Kaisheim bei Donauwörth. Denkt er an sein Hobby, hat seine Leidenschaft inzwischen absurde Züge angenommen: Seit Jahren zeigt er Jungimkern alles, was sie über Bienenzucht, das Gewinnen und Verarbeiten des Honigs wissen sollten. In diesem Jahr kauft er aber trotz 30 eigener Bienenvölker den Honig von seinen Schülern.
 
Der Grund: Die 800 Gläser seines Bienenhonigs musste Bablok im Augsburger Müllheizkraftwerk entsorgen. Er durfte sie laut Beschluss des Verwaltungsgerichts der Fuggerstadt weder verkaufen noch verzehren. Der Imker hatte sein Naturprodukt zuvor untersuchen lassen. Es enthielt Blütenpollen der Maissorte Mon810 des US-Unternehmens Monsanto. Mit Hilfe der so genannten Gen-Kanone ist etwas Erbsubstanz des Bakteriums Bacillus thurgeniensis (Bt) in das Genom der Pflanze katapultiert worden. Jetzt produziert die genveränderte Maispflanze ein Eiweiß, das im Darm der Maiszünslerraupen giftig wirkt.
 
Den Mon810-Mais baut die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft seit Jahren zu Forschungszwecken auf Feldern des Versuchsgutes Neuhaus in Kaisheim an. Etwa zwei Kilometer entfernt davon steht Babloks Bienenhaus. Die Tierchen legen bis zu sieben Kilometer zurück, um Nektar - in Honig verwandelt ist es ihr Energievorrat - und Blütenpollen als Aufbaunahrung für ihre Völker zu sammeln. Bei dieser Fleißarbeit übertragen sie Samen auf andere Pflanzen, so dass Früchte reifen können. Der Besuch eines blühenden Maisackers bleibt da nicht aus. "Fast in jedem Honig finden sich Maispollen", weiß Karl Heinz Bablok.
 
Bei dieser Nachbarschaft musste es zum Konflikt kommen zwischen dem Imker aus Leidenschaft und dem Freistaat wie dem Gentech-Riesen Monsanto. Bereits vor drei Jahren ließ der Kaisheimer seinen Honig nach der Blütezeit untersuchen. Ergebnis: Im Honig fanden sich Pollen des genveränderten Mais mit einem Anteil von 4,1 Prozent. Der Imker musste aber auch schmerzlich lernen, dass Erfolg und Niederlage vor Gericht ganz nah beieinander liegen. Denn die Justiz sollte klären, wie Imkerei und fortgesetzter Genanbau nebeneinander existieren sollen. Im Mai 2007 ordnete das Augsburger Verwaltungsgericht per Eilentscheid an, der Freistaat müsse dafür sorgen, dass während der Maisblüte die Bienen keinen genveränderten Pollen aufnehmen - durch vorzeitige Ernte oder mehrfaches Abschneiden der Pollenfahnen. Die Richter stellten zudem klar, dass Mon810 nicht für die Lebensmittelproduktion, sondern nur als Futtermittel zugelassen sei. Honig dürfe deshalb "unabhängig von der Höhe des Anteils genveränderter Organismen (GVO) nicht in Verkehr gebracht werden".
 
Ein gutes Jahr später urteilte dasselbe Gericht, diesmal im Hauptverfahren: Der Imker muss seine Bienenvölker während der Maisblüte aus Kaisheim und Umgebung entfernen, damit sie keine genveränderten Pollen einsammeln können. Güterabwägung nennen dies Juristen. Dem Freistaat ist es nicht zuzumuten, einen gentechnischen Versuch im Wert von 40 000 Euro abzubrechen, nur weil ein Imker seine Ernte nicht vermarkten kann. Da liegen allenfalls ein paar tausend Euro in Justitias Waagschale. Allerdings bestätigte das Gericht seine Auffassung, dass Honig völlig frei von Gen-Pollen zu sein hat, um genossen oder veräußert zu werden.
 
Darauf packten Bablok und zwei seiner Kollegen ihre 50 Bienenvölker und schafften sie in den gentechnikfreien Großraum München. Fußläufig wie bisher konnten sie ihrem Hobby allerdings nicht mehr nachgehen. Einfach so weggesteckt haben die Millionen Insekten den Umzug auch nicht, sagt der Imker. Und weil der Freistaat die Gentests in der Heimat auch 2009 fortzusetzen gedenkt, überwintern die Bienen nun 20 Kilometer von Kaisheim entfernt an der Donau. Bablok hofft, dass sie sich dort von dem stressigen Ortswechsel wieder erholen. Gebracht hat der angeordnete Ortswechsel leider auch nichts. Im 2008 geernteten Honig fanden sich noch immer Genmaispollen.
 
Den Rechtsstreit um den Aufenthaltsort seiner Tierchen hat der bayerische Schwabe dennoch nicht aufgegeben. Im kommenden Jahr wird die nächste Instanz, der bayerische Verwaltungsgerichtshof, klären müssen, ob die Region um Kaisheim auf die Bestäuber verzichten kann. Die Aussicht, dass die Münchner Richter anders entscheiden als die Augsburger ist allerdings unwahrscheinlich. Deshalb kündigt Bablok an: "Zur 875-Jahr-Feier meiner Gemeinde werde ich sie zur bienenfreien Zone erklären." Es wäre das erste Mal in der Geschichte Kaisheims, dass allenfalls das Summen von Wildbienen zu hören ist. Damals gründeten die Zisterzienser dort ein Kloster und betrieben von Anfang an Bienenzucht. Dass dem Freistaat die Gentechnik wichtiger ist als der Stellenwert der Imker und ihrer Bestäuber für die heimische Natur, kann Bablok nicht begreifen. Als Bundeslandwirtschaftsminister hätte der heutige CSU-Chef Horst Seehofer doch die Möglichkeit gehabt, den Bienen Vorrang vor der Gentechnik einzuräumen. Selbst die Bundesländer hätten bei der Novelle des Gentechnikgesetzes darauf gedrängt. Wenn er als Ministerpräsident nun betone, er sei für Gentechnik - nur nicht in Bayern, setze er seinen politischen Eiertanz auf diesem Gebiet fort. Dabei schätzen Experten den Gewinn an Erkenntnissen aus einem Jahrzehnt Feldversuche als mager ein. Vor drei Jahren habe die Landesanstalt für Landwirtschaft eine 100-seitige Studie veröffentlicht, sagt Andreas Bauer vom Umweltinstitut München. Mehr nicht.
 
In seinem Rechtsstreit wird Bablok vom "Bündnis zum Schutz der Bienen vor Agro-Gentechnik" unterstützt. Berufsimkerbund und Bio-Agrarverbände haben sich dort zusammengeschlossen. Imkermeister Thomas Radetzki, Sprecher des Bündnisses, kann nicht nachvollziehen, dass die Interessen eines Agrokonzerns vor Gericht und in der Politik mehr zählen als die Bienenzucht mit ihrer "zentralen Funktion in unserem Ökosystem". Einem Autobesitzer, dem jemand auf einem Parkplatz nachweisbar das Fahrzeug verbeult, könne die Polizei auch nicht sagen: ,Fahren Sie doch auf einen anderen Stellplatz".
 
Radetzki hat zudem ausgerechnet: Wenn auf zwei Prozent der bayerischen Maisäcker genveränderte Pflanzen stünden, könnte dies dazu führen, dass laut Gerichtsbeschluss mehr als 22 000 Imker den Freistaat verlassen müssten. Nach Angaben des Imkerbundes hängen 85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge von der Bestäubung durch Bienen ab.
 
Bablok und seine Mitstreiter sind jedenfalls fest entschlossen, bis zum Europäischen Gerichtshof durchzuklagen. Heißt es in der EU-Richtlinie zur Freisetzung genveränderter Organismen (GVO) doch deutlich: Alle Mitgliedsstaaten sorgen dafür, dass GVO keine "schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt" haben.
 




Erscheinungsdatum: Freitag 09.01.2009

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