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Ort der Hoffnung für Ausgegrenzte
Ein Zentrum für Behinderte in Kirgistan - Blick für Andere auch durch eigenes Leid

Behinderte Kinder haben in Kirgistan keine Chance. Bildungsunfähig seien sie, der staatlichen Unterstützung nicht Wert. Das hat Karla-Maria Schälike herausgefordert. Sie hat ein Zentrum der Hoffnung aufgebaut.

USCHI KURZ

Kirgistan ist ein wunderschönes Land. Zumindest im Sommer. Im Winter ist es nicht nur in den Bergen unwirtlich. Wasser, Heizmaterial und Strom sind Mangelware. Selbst in der Hauptstadt Bishkek fehlt oft Strom für Stunden. Um Energie zu sparen, hat die Regierung beschlossen, dass die staatlichen Schulen im Winter bis Mai geschlossen bleiben. Das Kinderzentrum "Ümüt-Nadjeshda" ist eine Ausnahme: Dort wird den ganzen Winter über unterrichtet. Nadjeshda heißt Hoffnung.
 
Frieren müssen die Kinder und Jugendlichen von "Ümüt-Nadjeshda" nicht. Igor Schälike hat vorgesorgt. Bereits im Sommer hat er lasterweise Braunkohle für die Einrichtungen des Kinderzentrums bestellt. Es dauerte Tage bis die Kohlenberge verstaut waren. Dafür ist es jetzt warm.
 
Das Kinderzentrum wurde 1989 von der Deutschen Karla-Maria Schälike (65) und ihrem kirgisischen Mann Igor gegründet. Der Ausgangspunkt war ein trauriger. Als Karla-Maria Schälike 1985 ihren Sohn Gert-Michael zur Welt brachte, lag neben ihr im Krankenhaus eine andere Frau, Olga. Auch diese hatte einen Sohn geboren. Ärzte setzten Olga massiv unter Druck. Sie sollte ihr Kind in ein staatliches Heim geben. Es war behindert und damit nach offizieller Lesart "nicht bildungsfähig".
 
"Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es in Kirgisien Kinder gibt, die aus dem Bildungssystem rausfallen", erinnert sich Schälike. Doch es gab ein Gesetz, das besagt, dass so genannte "bildungsunfähige" Kinder nicht gefördert werden dürfen. Olga gab ihr Kind nicht weg, worauf sich der Vater des Kindes scheiden ließ. Schälike versuchte daraufhin die Alleinerziehende so gut wie möglich zu unterstützen.
 
Den Blick für Kinder hat auch eigenes Leid geschärft. Kurz nach der Geburt starb Schälikes Sohn Gert-Michael infolge eines Behandlungsfehlers in Bishkek im Krankenhaus. Die persönliche Tragödie verstärkte das soziales Engagement: Das Ehepaar adoptierte drei Kinder und kümmerte sich fortan um die so genannten "weggeworfenen Kinder": Behinderte, die von Ärzten schon bei der Geburt als "nicht bildungsfähig" eingestuft wurden.
 
Im Zentrum, das auf Waldorf-Pädagogik aufgebaut ist und Prinzipien des im KZ Treblinka ermordeten polnischen Arzt und Pädagogen Janusz Korczak einbezieht, sind Kindergarten, Schule, Werkstätten und Wohngruppen eingerichtet. Viele der Kinder sind Waisen oder sie haben Eltern, die sich nicht um sie kümmern. Weil es vom Staat kein Geld gibt und nur wenige Familien Schulgeld bezahlen können, wird "Ümüt-Nadjeshda" fast vollständig mit Spenden finanziert. Das meiste Geld kommt aus dem deutschsprachigen Raum.
 
Normalerweise fliegt Karla-Maria Schälike jedes Jahr für einige Wochen nach Europa, um die Werbetrommel für ihre "Nadjeshda"-Kinder zu rühren. Doch diese Strapazen schlauchen sie. Deshalb wurde eine Stiftung für das Zentrum gegründet, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Noch ist die finanzielle Grundlage dünn, denn "Ümüt-Nadjeshda" hat sich in den vergangenen 20 Jahren kräftig entwickelt.
 
1991 übernahm der kirgisische Schriftsteller Tischingis Aitmatov die Schirmherrschaft für "Nadjeshda". Bis zu seinem Tod im Frühjahr 2008 hielt der Ehrenpräsident seine schützende Hand über das Zentrum. Als der Sport- und Spielplatz wieder einmal enteignet werden sollte, intervenierte Aitmatov. Das Gelände blieb beim Zentrum.
 
Jahrelang existierte "Ümüt-Nadjeshda" unter unsicheren räumlichen Verhältnissen. 1995 konnte das Kinderzentrum mit Geld aus dem "Fond Mitterand" ein größeres Grundstück mit einem kleinen Gebäude erwerben. 2000 wurde das neue Schulhaus eingeweiht, ein Projekt des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Besonderheit: das Haus hat eine Behinderten-Toilette - vermutlich die erste in ganz Zentralasien. Ein Jahr später wurde das Schulgebäude aufgestockt, diesmal mit Mitteln der Unicef.
 
Unterstützt wird das Zentrum auch durch amerikanische Soldaten. Der US-Stützpunkt in Bishkek ist der größte in Asien. Jeder Soldat, der im Irak oder in Afghanistan eingesetzt wird, verbringt zunächst einige Wochen in Bishkek. Die jungen Männer sind froh über Ablenkung. Sie besuchen das Zentrum regelmäßig, spielen mit den Kindern, helfen bei Reparaturen. Im Garten des Kindergartens steht eine Schaukel. Sie ist ein Geschenk der Amerikaner.
 
Zurzeit werden fast 70 Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 23 Jahren im Kinderzentrum betreut. Die 18-jährige Walja ist seit fünf Jahren im Zentrum. Die junge Russin kann nicht reden, hilft aber in der Küche und bei der Betreuung der Jüngeren mit. Bevor sie selbst isst, füttert Walja liebevoll den fünfjährigen Timoscha, der neben ihr im Rollstuhl sitzt. Neben geistig und körperlich behinderten Kindern nimmt das Zentrum mittlerweile auch Straßenkinder auf, die in Kirgistan genauso verloren sind wie die Behinderten.
 
Slawa ist ein solcher Junge. Der 13-Jährige wurde von seiner alkoholkranken Mutter - der Vater ist tot - zum Betteln geschickt. Seit vier Jahren lebt der körperlich fitte, fast hyperaktive Junge nun in der Wohngruppe mit den schwerstbehinderten Kindern. Er ist in eine Art Vorbild-Rolle geschlüpft. Ein Vorbild an dem er sich selbst orientieren kann, fehlt ihm jedoch. Der Versuch, den geistig leicht zurückgebliebenen Jungen in einer Regelschule unterzubringen, ist gescheitert. Jetzt soll sich einer der Zivildienstleistenden um Slawa kümmern, damit er körperlich und geistig mehr gefordert wird.
 
Alle "Nadjeshda"-Kinder haben eine schwierige Geschichte: Da sind beispielsweise zwei Buben, sechs und sieben Jahre alt. Inga, eine Tochter der Schälikes, lernte die beiden während eines Praktikums in einem staatlichen Kinderheim kennen. Als die Jungen in ein Heim verlegt werden sollten, das unter einem schlechten Ruf stand, setzte ihre Familie alle Hebel in Bewegung und holte sie ins Haus. Der ältere der beiden leidet an einer unheilbaren Muskel-Dystrophie. Obwohl er kaum mehr gehen kann, hat sich sein Zustand stabilisiert. Die Schälikes sind sicher: "Im staatlichen Heim würde er schon nicht mehr leben".
 
Um die Kinder motorisch zu fördern, wurden zwei Therapiepferde angeschafft. Doch ein herber Rückschlag kam: Am Silvesterabend 2006 wurden die Tiere aus dem Stall gestohlen. Die Mitarbeiter des Zentrums glauben, dass sie als Festmahl im "Kasan", dem Kochtopf der Kirgisen, landeten. Spender haben für Ersatz gesorgt. Die Freude der Kinder war entsprechen groß. Vor Feiertagen stehen die Vierbeiner nun unter ihrer besonderen Aufsicht.
 
Info
 
Weitere Informationen zu "Ümüt-Nadjeshda" gibt es im Internet unter http://www.nadjeshda.org . Spenden nimmt der "Förderverein Kinderfond Nadjeshda e.V." in Tuttlingen entgegen. Kreissparkasse Tuttlingen, Kontonummer: 107 099, Bankleitzahl: 643 500 70.
 

 




Erscheinungsdatum: Dienstag 03.02.2009

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