Thema des Tages
PERSONENSCHUTZ / Zerknirschung nach dem "Tortenanschlag" auf OettingerBodyguard im Sekundenschlaf
BETTINA WIESELMANN
STUTTGART Es war glücklicherweise nur ein "Tortenanschlag" auf Ministerpräsident Günther Oettinger. Aber seine Personenschützer hätten ihn vermeiden können und müssen. Im Stuttgarter Polizeipräsidium musste man gestern zerknirscht eine "Fehleinschätzung" einräumen. Einer der drei Personenschützer, die Ministerpräsident Günther Oettinger am Donnerstagnachmittag zur öffentlichen Jubiläumsveranstaltung "Zehn Jahre Pro Arbeit" ins Haus der Wirtschaft begleitet hatten, habe "im Sekundenbereich zu spät" eingegriffen, sagte Polizeisprecher Stefan Keilbach. Ein Insider wird deutlicher: "Die haben, weil einfach so wenig passiert, gepennt und damit die ganze Innung blamiert."
Keine Frage: Die Schwarzwälder Kirschtorte, die Oettinger während seiner Rede aufs Jackett geworfen wurde ("schönen Gruß von den arbeitslosen Zwangsarbeitern"), hätte ihn, wenn es professionell zugegangen wäre, nie erreichen dürfen. Aus der ersten Reihe des mit gut 300 Leuten besetzten Saals war die 24-jährige Studentin Ariane R. auf den Regierungschef zugegangen, bewaffnet mit dem verschlossenen Torten-Pappkarton. Mehrere Schritte brauchte sie bis zum Podium, auf das sie über eine kleine Treppe kam. Erst viele Sekunden später, als Oettinger konsterniert an sich herunterschaute und die Angreiferin schon wieder vom Podium hinunter in den Saal gerannt war, stürzten sich zwei Leibwächter auf sie und überwältigten sie. Zu sehen ist das alles in einem Video, das eine Komplizin aufgenommen hat. Der Südwestrundfunk lehnte die Ausstrahlung ab, die "Bild"-Zeitung veröffentlichte sechs Fotos.
Seit Jahrzehnten kümmern sich Personenschützer, derzeit insgesamt 22 Polizisten, die alle ein mehrmonatiges Spezialtraining durchlaufen haben, fast rund um die Uhr um den Schutz des Ministerpräsidenten und des Innenministers. Blitzschnelle Attacken Irregeleiteter, wie die Ohrfeige für Kanzler Schröder oder der Übergriff auf den Bundespräsidenten im Oktober, könnten nur durch totale Abschirmung verhindert werden, die will aber kein Politiker. Auch lückenlose Kontrollen von Pappkartons wie Handtaschen könnten als Überreaktion angesehen werden. Dennoch wird in Stuttgart jetzt das ganze Konzept überprüft. Und die Staatsanwälte ermitteln wegen versuchter Körperverletzung.
Erscheinungsdatum: Samstag 24.11.2007
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