INTERVIEW: Vor dem Kontrolleur sind Profikicker und Minigolfer gleich
Anja Berninger ist als Chef-Justitiarin der Nada auch persönlichen Angriffen ausgesetztEchte Aufregung oder Sturm
im Wasserglas? Wie sieht Anja Berninger, die Justitiarin der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) den Fall Hoffenheim und die Diskussionen um den neuen Anti-Doping-Code.
UTE GALLBRONNER
Frau Berninger, am Montag verhandelt das DFB-Sportgericht im Fall Hoffenheim. Wie sehen Sie die Lage?
ANJA BERNINGER: Wir haben die Ergebnisse der DFB-Untersuchungen zur Kenntnis genommen. Jetzt werden wir die Akten einsehen. So wie ich es derzeit sehe, ist es richtig, kein Verfahren gegen die Spieler, sondern gegen den Verein und Betreuer Peter Geigle einzuleiten.
Die Spieler haben also nichts falsch gemacht?
BERNINGER: Sie wussten offenbar nicht, dass sie zur Kontrolle ausgelost wurden. Wenn das so war, ist eine Schuld ausgeschlossen.
Fehlt im Fußball das Problembewusstsein für Doping?
BERNINGER: Ich habe nicht den Eindruck, dass der Verband lax damit umgeht. Immerhin wurden aus 90 unangemeldeten Trainingskontrollen im Vorjahr jetzt 500.
Für die Trainingstests ist die Nada zuständig, im Wettkampf der DFB. Ist das in Ihrem Sinne?
BERNINGER: Wir haben im Februar angeboten, diese Tests zu übernehmen. Der DFB wollte aber an der bisherigen Regelung festhalten.
Vereins-Vertreter kontrollieren also, ob zwischen der Auslosung und der Kontrolle manipuliert wird?
BERNINGER: Es ist jedenfalls ein Verantwortlicher des Vereins, der den Spieler informiert und ihn zum Kontrollraum begleitet. Ein System von unabhängigen Chaperons, wie im Radsport, die die Sportler überallhin begleiten, gibt es nicht.
Ist das eine glückliche Lösung?
BERNINGER: Die Chaperons sind nur ein Teil. Bei der eigentlichen Kontrolle ist es der Kontrolleur, der mit dem Sportler allein ist. Auch er ist vom Verband. Und letztlich ist es ja bisher in der Regel auch so, dass Disziplinarorgane der Verbände über die Sanktionierung ihrer eigenen Sportler entscheiden. Das heißt nicht, dass sie das schlecht machen.
Für welche Verbände ist die Nada bei Wettkampftests verantwortlich?
BERNINGER: Derzeit sind es nur fünf kleinere, die Gewichtheber beispielsweise. Aber nach der Hoffenheim-Geschichte sieht es so aus, als ob einige große dazu kommen.
Der DFB bemüht sich, sagen Sie. Aber haben Sie die Aussagen einiger Trainer nicht erschreckt?
BERNINGER: Doch, vor allem die von Jürgen Klopp (,Ein Ladendiebstahl in New York ist ja auch was anderes als ein Ladendiebstahl im tiefen Schwarzwald., Anm. d. Red.). Da will ich Herrn Klopp sagen: Die Regeln gelten international, und es ist egal, ob ein Profi-Fußballer oder ein Mini-Golfer kontrolliert wird.
Seit Januar ist der neue Doping-Code in Kraft. Wie ist die Akzeptanz?
BERNINGER: Der Code ist viel gerechter, weil mehr auf den Einzelfall eingegangen werden kann. Er bietet die Möglichkeit flexibler zu sanktionieren. Kritisiert wird nicht der Code, sondern die Meldepflichten.
Zurecht?
BERNINGER: Was die Ein-Stunden-Regel angeht, hatte ich schon immer Bauchschmerzen. Wir haben uns ja vehement dagegen gewehrt. Aber die Welt-Anti-Doping-Agentur hat sich dafür entschieden. Ich denke, wir haben eine akzeptable Lösung gefunden. Zur Gruppe, die sich täglich für eine bestimmte Stunde für den Kontrolleur bereit halten müssen, gehören nur Spitzenathleten der Risikogruppe I. Das sind absolute Profisportler.
Diese Sportler dürfen sich in der Stunde nicht vom Fleck rühren?
BERNINGER: Niemand muss auf den Kino-Besuch oder ein Kölsch mit Freunden verzichten. Er kann die Stunde auch noch kurzfristig verschieben - eine Abmeldung per PC, SMS oder Anruf genügt.
Was hat sich für den Rest verändert?
BERNINGER: Früher mussten es die Athleten melden, wenn sie für 24 beziehungsweise 72 Stunden ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort verlassen haben. Jetzt müssen sie für jeden Tag eintragen, wo sie sich aufhalten. Das ist für die Sportler sicher mehr Aufwand.
Hat sich die Regelung bewährt?
BERNINGER: Vom ersten Eindruck her auf jeden Fall. Wir haben viel weniger erfolglose Kontrollversuche, und können noch intelligenter und gezielter testen. Bisher hatten wir etwa sechs Prozent Meldepflichtversäumnisse. Das ist sehr wenig.
Was passiert mit den Athleten?
BERNINGER: Erst einmal nichts. Sie haben einen Strike. Beim dritten innerhalb von 18 Monaten werden sie für ein Jahr gesperrt.
Es gibt einige Klagen von Sportlern, die sich in ihren Grundrechten eingeschränkt sehen. . .
BERNINGER: Meine Lieblingsklage ist die von Herrn Kasheshkin. Er klagt, dass er ein Recht auf ungestörten Urlaub habe. Interessanterweise wurde er im Urlaub beim Fremdblut-Dopen erwischt. Auch Michel Platini hat sich geäußert, dass Fußballer ein Recht auf Privatsphäre im Urlaub hätten. Doch die Regeneration und die Vorbereitung sind besonders sensible Phasen. Wenn uns in dieser Zeit Kontrollen verwehrt werden, macht der Anti-Doping-Kampf keinen Sinn.
Sie machen sich mit der Arbeit auch Feinde, macht es dennoch Spaß?
BERNINGER: Auf jeden Fall. Aber es stimmt schon, dass ich vor allem nach der Hoffenheim-Geschichte viele hässliche Mails bekommen habe, natürlich anonym. Im vergangenen Jahr sollen wir Eishockey kaputt gemacht haben, jetzt ist es der Fußball. Dabei geht es uns ja gerade um den Sport, um den sauberen Sport. Auf jeden Fall kann ich immer voll hinter dem stehen, was ich tue. Und das ist ja auch was.
Erscheinungsdatum: Samstag 14.03.2009
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