GESCHICHTE / Wie sich der Staat Überblick über seine Untertanen verschaffteDie Hausnummer wies dem Steuereintreiber den Weg
Die Geschichte der Welt spiegelt sich auch in deren unscheinbarsten Details. Zum Beispiel in der Hausnummer. Das beweist der Wiener Historiker Anton Tantner.
HENNING PETERSHAGEN
Sie scheint ebenso unverzichtbar wie alterslos: die Hausnummer. Dabei ist sie noch gar nicht so alt. Und keineswegs ist ihre Existenz der Sorge der Anwohner zu verdanken, der Geldbriefträger könnte ihre Haustüre nicht finden. Vielmehr war es in den meisten Fällen die Obrigkeit, welche die Wohnstätten der Bevölkerung lückenlos kenntlich machen wollte, damit keiner ihrer Untertanen den Steuereintreibern und Rekrutierungskommandos entkommen konnte.
"Ihren Siegeszug erlebt die Hausnummer im Zeitalter des so genannten Absolutismus und der Aufklärung", stellt Tantner fest, der ihre Herkunft im Grenzgebiet von Militär, Fiskus und "Policeywissenschaft" verortet. Der moderne Staat wollte sich durch ein neuartiges, einheitliches und übersichtliches Adressierungssystem den Zugang zu den Häusern der Bürger sichern.
Natürlich war es zuvor schon möglich, nicht nur in kleinen Dörfern, sondern auch in großen Städten die Individuen ausfindig zu machen. Es gab inoffizielle Bezeichnungen für die Gassen, und die Häuser hatten inoffizielle Namen, so dass jeder Ortskundige Auskunft geben konnte, wenn jemand ihn nach einer bestimmten Adresse fragte.
Dieses Wissen stand auch der Grundherrschaft zur Verfügung, die mit diesem System zurechtkam. Da sich die staatliche Behörden jedoch nicht blind auf die Unterstützung dieser Grundherrschaften verlassen konnten, benötigten sie eine ortsübergreifende Systematik. Vor allem, wenn sie auch noch mit der Widerspenstigkeit der Bevölkerung rechnen musste. So war es während der napoleonischen Kriege oft die französischen Besatzungsmacht, die in deutschen Städten die Hausnummerierung einführte, welche sie unabhängig machte von der Auskunftsfreude der Bewohner.
Ein solcher Vorgang ist anschaulich dargestellt auf einer alten Werbung eines Kölnisch-Wasser-Herstellers. Sie zeigt einen französischen Offizier, der hoch zu Ross mit Kreide die Nummer 4.711 an die Wand eines Hauses schreibt: die Geburt eines Markennamens.
Es gab unterschiedliche Systeme der neuen Adressierung, denen jedoch eines gemein war: Die alten Häusernamen, die oft durch Bildsymbole an den Fassaden ablesbar waren - auf dem Haus "zur Sonne" prangte eine Sonne - wurden durch Nummern ersetzt. In manchen Gegenden wurden die Häuser einer Ortschaft einfach durchnummeriert. In Städten wie Mainz, Augsburg, Nürnberg und Ulm wurden die verschiedenen Stadtviertel mit einem Großbuchstaben gekennzeichnet, dem eine bestimmte Nummer für das Haus folgte. Die Mannheimer Altstadt wiederum ist das Beispiel für die Nummerierung der Blocks, die ein Quadrat bilden.
Die vierte Möglichkeit war die straßenweise Nummerierung, die 1805 in Paris eingeführt wurde und die verbindliche Straßennamen voraussetzte. Sie hat sich schließlich durchgesetzt.
· Anton Tantner: Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung. Jonas-Verlag Marburg. 80 Seiten, 15 Euro.
Erscheinungsdatum: Samstag 26.01.2008
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