SCHULE / Besondere Religionsstunden an zwölf Standorten im LandIslam auf dem Stundenplan kommt gut an
Verband dringt auf Ausweitung des Angebots - Ministerium wartet Auswertung des Modellversuchs abJahrelang war der islamische Religionsunterricht in Baden-Württemberg ein ziemliches Reizthema. Doch seit seiner Einführung ist die Kritik weitgehend verstummt. Kultusminister Rau lobt den "gelungenen Start", Islam-Verbände fordern schon eine Ausweitung des Angebots.
JULIA RANNIKO, DPA
OFFENBURG "Der Islam-Unterricht wird zunehmend selbstverständlich an den Schulen", sagt Peter Müller, Religionspädagoge an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Der Professor begleitet den vierjährigen Modellversuch mit den Islam-Stunden wissenschaftlich. "Die Nachfrage ist groß, der Unterricht sollte daher unbedingt ausgedehnt werden", erklärt die Religionsgemeinschaft des Islam.
Nach Querelen gibt es seit dem Schuljahr 2006/07 an zwölf Grundschulen im Südwesten islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache. Der Islam sunnitischer Prägung wird an zehn, die alevitische Glaubensrichtung an zwei Standorten vermittelt. Zwei Stunden pro Woche stehen zum Beispiel in Offenburg auf dem Stundenplan, 505 islamische Grundschüler besuchen den Unterricht im ganzen Land. Insgesamt leben 60 000 bis 70 000 Kinder und Jugendliche islamischen Glaubens im Südwesten.
Künftig soll der Unterricht in jeder neuen ersten Klasse an den zwölf Schulen organisiert werden, kündigt Kultusminister Helmut Rau (CDU) an. "Nach vier Jahren haben wir an jedem Standort eine komplette Grundschule mit dem Angebot." Die Stunden stärkten das Selbstbewusstsein der Kinder und bringe ihre Familien dazu, sich stärker am schulischen Leben zu beteiligen, betont Rau. Auch in Mannheim ist nur Positives zu hören. "Es läuft", sagt Botho Stern vom staatlichen Schulamt. "Der Bedarf ist da, das war nicht nur ein Strohfeuer zu Beginn." Seine anfängliche Kritik an der Ausbildung der Islam-Lehrer hat Stern inzwischen revidiert: "So wie es in Baden-Württemberg läuft, ist es eine gute Qualifizierung." Die Lehrkräfte - sie müssen einen Migrationshintergrund haben, religiös sein und zugleich Landesbeamte - seien "motiviert und qualifiziert". Seit dem Wintersemester gibt es an den Pädagogischen Hochschulen in Karlsruhe, Ludwigsburg und Weingarten ein Ergänzungsstudium zum islamischen Religionsunterricht.
"Die Lehrer gewinnen an Sicherheit", bestätigt Müller. Auch wenn Probleme wie etwa Zwangsheiraten in der Grundschule ausgeklammert würden - "im Kleinen" gebe es auch hier bestimmte Reizthemen. "Für einen muslimischen Jungen ist es schwierig, neben einem Mädchen zu sitzen. "Wenn man im Unterricht aber zum Beispiel einen Sitzkreis macht, passiert hier eine Öffnung."
Kritik an dem Projekt gebe es noch von bestimmten islamischen Gruppen, denen der Unterricht "nicht islamisch genug" sei, erzählt Müller. "Die Moscheegemeinden können sehr unterschiedlich sein."
Um den Islam als "moderne und liberale Religion" darzustellen, müsse der Unterricht in mehr Schulen und Regionen angeboten werden, fordert dagegen Ali Demir, der Landesvorsitzende der Religionsgemeinschaft des Islam. "Wir dürfen den Islam ja nicht immer mit der Brille der Islamisten sehen."
Erscheinungsdatum: Freitag 04.01.2008
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