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JUGENDKRIMINALITÄT / "Projekt Chance" für junge Intensivtäter
Eine harte Schule fürs Leben
Zwischen Fordern und Fördern: 16-Stunden-Tag im Gefängniswohnheim

"Am Anfang wollte ich jeden Tag weglaufen", erinnert sich der 21-jährige Amos (Name geändert) an seine ersten Tage im Seehaus. "Es ist hart hier, viel härter als im Knast". Auf dem abgelegenen Hof nahe Leonberg bekommen junge Intensivtäter eine letzte Chance.

CLAUDIA RITZI, DPA

LEONBERG  Im Rahmen des "Projekts Chance" ermöglicht die baden-württembergische Landesregierung seit rund fünf Jahren jungen Gefängnisinsassen den "Jugendstrafvollzug in freien Formen". Im Leonberger Seehaus und im Kloster Frauental in Creglingen (Main-Tauber-Kreis) sollen junge Mehrfach- und Intensivtäter im Alter zwischen 14 und 21 Jahren auf eine Rückkehr in ein Leben ohne Kriminalität vorbereitet werden.
 
Ein 16-Stunden-Tag erwartet die Jugendlichen im Seehaus. Er beginnt morgens um 5.45 Uhr mit Frühsport. Anschließend müssen sie aufräumen und putzen. Es folgen Unterricht, Arbeit und soziales Training. Zwei Raucherpausen pro Tag sind erlaubt. Gegen 22 Uhr gehen in dem Wohnhaus die Lichter aus. "Das hier ist Stress pur für die Jungs", erklärt Tobias Merckle, der Geschäftsführer des Seehauses.
 
Auf dem ehemaligen Reiterhof erleben viele Jugendliche zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf. Außerdem erfahren sie Gemeinschaft. Das Zusammenleben ist familienähnlich organisiert. Zwei Betreuerfamilien leben mit den bis zu 14 jungen Straftätern zusammen, teilen sich mit ihnen Wohnzimmer und Küche.
 
Für Amos, der das Gefängnis verließ, um den Rest seiner Strafe auf dem Seehof zu verbringen, ist diese Gemeinschaft eine Neuentdeckung. Im Alter von drei Jahren verlor er im äthiopischen Bürgerkrieg seine Eltern. Fünf Jahre später flüchtete er mit seinen beiden Geschwistern nach Deutschland. Er wuchs in einem Heim auf, fühlte sich stets als Außenseiter. Mit 14 verließ er das Heim und zog zu seinem Onkel nach Ravensburg, wenig später kam er bei Freunden unter.
 
Er wurde drogenabhängig und finanzierte seine Sucht wesentlich durch Geld, das ihm nicht gehörte. Dreimal wurde er zu insgesamt sechs Jahren Haft verurteilt, wegen Körperverletzung, Diebstahl und räuberischer Erpressung.
 
"Trotz allem, was sie getan haben, sind diese Kinder kein Abschaum. Sie sind Jugendliche, die nie zuvor eine Chance hatten", erklärt Merckle. Im Seehaus sollen sie endlich eine Perspektive erhalten. Die Jugendlichen müssen arbeiten, erhalten Verantwortung und werden jeden Tag für ihre Leistungen benotet. Eine harte Schule.
 
Strenge und Regeln seien für den Umgang mit den Jugendlichen unabdingbar. Für noch wichtiger hält Merckle jedoch Prävention. "Wir sollten mehr Geld in die Förderung ausländischer Kinder vom Kindergarten an investieren", fordert er. Langfristig würde sich das für die Gesellschaft auszahlen. Auch die Mehrausgaben für den Jugendstrafvollzug in freien Formen rechtfertigt er über langfristige Einsparungen. "Die Unterbringung hier kostet mit 203 Euro pro Tag doppelt so viel wie in einer Jugendstrafvollzugsanstalt", erklärt er.
 
Die Gefangenen können während ihres ein- bis zweijährigen Aufenthalts in Leonberg ihren Hauptschulabschluss machen und sich auf Ausbildungsberufe vorbereiten. Bisher wurde noch jedem eine Lehrstelle vermittelt, berichtet Merckle. Diese Aussicht ist so attraktiv, dass noch nie jemand aus dem Seehaus abgehauen ist. Dabei wäre das denkbar einfach: Kein Zaun versperrt den Weg nach draußen.
 
Auch Amos ist trotz aller Härte geblieben und er hat es nicht bereut: "Ich habe hier so viel gelernt, dass ich mich manchmal selbst kaum noch wiedererkenne." Ende August wird er den Seehof verlassen. Er will eine Ausbildung zum Altenpfleger machen - und noch einmal von vorne anfangen.
 




Erscheinungsdatum: Samstag 05.01.2008

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