Im Alter kommen Zipperlein
Spezialfutter und viel Aufmerksamkeit für tierische Senioren in der WilhemaAlle wollen den kleinen Eisbär Wilbär sehen. Weniger hofiert werden die "Senioren" in der Stuttgarter Wilhelma. Wegen ihrer Altersgebrechen brauchen diese Tiere viel Zuwendung der Pfleger und Veterinäre.
WENKE BÖHM, DPA
Stuttgart Den Zootieren geht es wie den Menschen - mit dem Alter zwickt es hier und zwackt es dort. Die vierbeinigen älteren Semester in der Wihelma haben ihre liebe Müh mit Zahnweh, Diabetes, Arthrose oder grauem Star. Weil im botanisch-zoologischen Garten die natürlichen Feinde fehlen, erreichen manche Tiere ein fast schon biblisches Alter.
Vilja zum Beispiel. Die Elefanten-Dame ist längst legendär. Rund 59 Lenze zählt sie, nach Auskunft der Wilhelma die älteste asiatische Elefantenkuh in Europa. Für den Zoo bedeutet sie noch viel mehr. Denn Vilja, die 1952 für 12 000 Mark aus Indien geholt wurde, war eines der ersten Tiere im botanischen Garten. Sie markiert den Neuanfang als Zoo und ziert heute noch das Logo. Ihren Sturz kürzlich in den Gehegegraben hat die kleinwüchsige und knochige Vilja gut weggesteckt. Und doch sind ihre Tage gezählt. "Sie kaut auf dem letzten Zahn", sagt Tierarzt Wolfram Rietschel.
Elefanten zermalmen ihre Nahrung mit den Backenzähnen. Wenn diese abgeschliffen seien, würden aus dem Kiefer neue nach vorne geschoben. Bei Vilja sei der Vorrat aber mit den Jahren verbraucht und auch die letzte Zahngarnitur abgenutzt, sagt Rietschel. Die Elefantenkuh bekommt deshalb "Senioren-Müsli", Spezial-Pellets der Marke "Alpin Senior", die eigentlich für ältere Pferde gedacht sind - und auch nicht billig sind. "Vilja frisst etwa fünfmal so viel wie ein Pferd", sagt der Wilhelma-Tierarzt. "Aber Kosten spielen zum Glück keine Rolle."
Wilhelma-Zwergflusspferd Hannibal, das älteste Europas, ist schon 41. Aber noch recht fit, erzählt Rietschel. Hannibal habe mittlerweile schon ein Bedürfnis nach Bequemlichkeit. "Wir haben ihm eine Gummimatte hingelegt, auf der er nachts besser schlafen kann." Auch das Flusspferd würde in der Natur nicht so alt. Seine wilden Artgenossen würden meist von Leoparden gerissen werden, wenn sie nicht mehr ganz auf der Höhe sind. Hannibal kümmert das nicht. Er badet genussvoll im Außenpool des Geheges.
Kombote, 42-jährige Bonobo-Zwergschimpansen-Oma, hat als Matriarchin ihr Rudel im Griff. Fit wie ein Turnschuh ist sie, vor knapp zwei Jahren hat sie noch Nachwuchs bekommen. Behäbiger wirkt da schon der 49-jährige Orang-Utan Buschi. Er trägt seinen Namen zu Recht: Das rötliche Fell gleicht Rastalocken. Weil Buschi etwas streng aus dem Mund riecht, muss der Tierarzt demnächst seine Zähne kontrollieren. "Sie sind mit das größte Problem bei den älteren Tieren", sagt Rietschel. Bei der Gelegenheit bekommt Buschi dann auch gleich einen Haarschnitt verpasst.
Mit dem Haarwuchs ist das so eine Sache: Die alten Löwinnen Schiela und Elektra, beide Mitte der 80er Jahre geboren, werden schon mal für Männchen gehalten. "Sie bekommen anstelle eines Damenbarts eine Mähne", erklärt der Tierarzt. Hellwach beobachten die Löwinnen ihre Umgebung und zeigen die Zähne, wenn ihnen etwas verdächtig erscheint. Anders als junge Löwen sind sie beim Futter wählerisch - und entsprechend dünn.
Rietschel behält seine Wilhelma-Senioren genau im Blick. Auch wenn sie im Zoo steinalt werden können: Qualen erleiden dürfen sie nicht. Hin und wieder kommt der Punkt, wo er in Absprache mit Tierpflegern und Biologen entscheiden muss, dem Leben ein Ende zu setzen. Meist jedoch sterben die Tiere an Krankheiten oder Altersleiden.
So enden irgendwann selbst Zoo-Legenden. Der steinalte See-Elefant mit Prostata-Leiden und Arthrose, das weiße Krokodil, der krebskranke Gorilla-Boss Banjo - sie alle sind heute Geschichte. Was auf den Tod folgt, ist ernüchternd: Erst sezieren Pathologen die Verendeten, dann gehen Teile an Museen und Forschungseinrichtungen. Der Rest landet in der Tierverwertung. Rietschel: "Sicher fällt es einem manchmal schwer. Aber wo geboren wird, da wird auch gestorben."
Erscheinungsdatum: Montag 05.05.2008
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