SÜDWEST AKTIV > Land und Welt > Südwestumschau
Ihre Ansprechpartner Impressum
Anmeldung für...

- Anzeige -
unternehmen.swp.de

- Anzeige -
Branchenbuch für Göppingen und Umgebung
SÜDWEST PRESSE - ein starker Verbund

Artikel per E-Mail versenden Artikel drucken Schrift größer Schrift kleiner


Erwachsene lernen lesen
Die Lehrer für Analphabeten sollen eine spezielle Ausbildung bekommen

An der PH Weingarten wird ein Konzept entwickelt, um die Lehrer von Analphabeten besser auszubilden. Jedes Jahr verlassen in Deutschland 40 000 junge Menschen mit Sprachproblemen die Schulen.

SYLVIA RIZVI

Weingarten  . Einen Einkaufszettel schreiben, ein Formular ausfüllen oder einen Bahnfahrplan lesen - Millionen Frauen und Männer kapitulieren in Deutschland vor solchen Aufgaben. Sie sind Analphabeten. Zur Zeit besuchen 20 000 Erwachsene Alphabetisierungskurse. Noch gibt es für ihre Lehrerinnen und Lehrer keine einheitliche Ausbildung. Die Pädagogische Hochschule (PH) Weingarten will das mit dem Forschungsprojekt "Profess" ändern.
 
Alphabetisierungskurse finden meist unter dem Dach der Volkshochschulen statt. Dort haben es die Lehrer vor allem mit "funktionalen Analphabeten" zu tun. Die Betroffenen können zwar ihren Namen schreiben und mit Mühe ein paar Worte entziffern, verstehen aber nur schwer den Sinn eines längeren Textes. Für die Arbeitswelt, wo Internet, E-Mail und Formulare die Regel sind, reicht das nicht. Oft sind die Frauen und Männer arbeitslos oder laufen Gefahr, ihren Job zu verlieren. Im Alltag sind sie von Anderen abhängig. Freunde oder Verwandte müssen für sie Formulare ausfüllen, Gebrauchsanweisungen lesen oder Speisekarten durchsehen. Kein Mensch erhält von ihnen eine Postkarte, SMS oder E-Mail.
 

Zu den Schreibunkundigen gehören häufig ehemalige Sonderschüler, Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche oder Schulabbrecher, sagt die wissenschaftliche Leiterin von "Profess" Cordula Löffler. "Viele haben zum Beispiel in der Grundschule nicht die nötigen Kenntnisse erworben und wurden irgendwie mit durchgezogen." Spätestens in der Hauptschule brechen viele ein, erklärt die Deutsch-Professorin von der PH Weingarten.
 
"Rund 80 000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss." Etwa die Hälfte davon habe Probleme mit Deutsch. Die Betroffenen meiden die Schriftsprache und verlernen mit der Zeit das Wenige, was sie einst konnten.
 
In den Alphabetisierungskursen stellen die Absolventen deutscher Schulen das Gros der Teilnehmer, weiß Löffler. Nur vereinzelt sitzen in den Alphabetisierungslehrgängen Ausländer, die aus abgelegenen Gegenden der Welt stammten und nie zur Schule durften. Sehr wenig Kursbesucher kommen aus einer anderen Schriftkultur wie der arabischen oder chinesischen Sprache.
 
Zwar leisteten die 800 bis 1000 Kursleiter gute Arbeit, sagt Cordula Löffler. "Aber es fehlt an einem einheitlichen Berufsbild." Etliche Kursleiter seien etwa Grundschullehrer und spezialisiert auf das Einüben der Schriftsprache bei Kindern. Erfahrungen mit Erwachsenen erwerben sie im laufenden Betrieb. Umgekehrt verhalte es sich mit Lehrkräften aus der Erwachsenenbildung. Wieder andere Stärken und Schwächen brächten Psychologen oder Sozialarbeiter mit. "Wir möchten eine Ausbildung anbieten, die alle wichtigen Kenntnisse vermittelt", beschreibt die Deutsch-Professorin das Ziel des Profess-Projektes.
 
Geplant ist ein viersemestriger Masterstudiengang "Alphabetisierungs-Pädagogik" in Weingarten. Er soll an ein pädagogisches Studium angehängt werden können. Die Studierenden werden in Teilzeit büffeln und weiter ihrem Job nachgehen. Die ersten 30 bis 40 Pioniere starten im Wintersemester 2009. Eine Forschungsgruppe aus fünf Hochschulen unter der Gesamtleitung des Bundesverbands für Alphabetisierung und Grundbildung aus Münster arbeitet seit 2007 an einem Lehrplan und an Studienmaterialien. Zudem entwickelt Profess Weiterbildungen für Praktiker.
 
"Wir möchten, dass die Alphabetisierungspädagogik fest im Bildungssystem etabliert wird", sagt Löffler. Die Deutsch-Professorin hofft zudem, dass die Lehrenden durch ihr Studium eher Aussicht auf feste Stellen haben, etwa an Volkshochschulen. Im Moment arbeiteten die Fachkräfte überwiegend als mäßig bezahlte Honorarkräfte. Oft werfen sie über kurz oder lang das Handtuch. Know-how gehe verloren, neue Leute müssten eingearbeitet werden. Das Bundesbildungsministerium fördert das Projekt mit rund zwei Millionen Euro.
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 15.07.2008

zurück zurück zur Ressort-Übersicht