Ein Projekt soll Schule machen
Hauptschulabschluss für ZuwandererGedichte, Rechnen, Fachvokabeln - junge Neuzuwanderer paukten in einem Modell-Projekt erfolgreich für den Hauptschulabschluss.Ziel: Der einmalige Kurs soll ein Regelangebot werden.
SYLVIA RIZVI
Stuttgart Sie haben Grips, aber wenig Deutschkenntnisse. So scheitern viele junge Neuzuwanderer in der Schule. Das Stuttgarter Projekt "Lisa" will das ändern. Gut ein Jahr bereiteten sich dort junge Spätaussiedler und Einwanderer mit Bleiberecht auf den Hauptschulabschluss vor. Mit großem Erfolg: 19 Teilnehmer sind zur Prüfung angetreten, 18 haben bestanden. Die Hoffnung der "Lisa"-Verantwortlichen: Der einmalige Kurs soll ein Regelangebot werden. "Der Kurs zeigt, dass junge Zuwanderer engagiert und motiviert sind und nur eine Chance brauchen", sagte Stefanie Palm von der Robert-Bosch-Stiftung bei der Zeugnisübergabe.
Ihr Haus fördert das zweijährige Projekt, für das sich mehrere Stuttgarter Partner zusammengetan haben: die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Deutsche Jugend aus Russland, die Bildungseinrichtung "Henke-Schulungen" (hs) und das städtische Integrations- und Sozialamt. Laut Projektleiter Georg Ceschan von der AWO Stuttgart ist der Kurs das einzige Angebot dieser Art in Baden-Württemberg. Die Schulung baut auf den Deutschkenntnissen aus den Integrationskursen auf. Denn sechs Monate Deutsch reichen kaum aus, um auf der Hauptschule zu punkten.
Die jungen Erwachsenen kennen keine deutschen Fachbegriffe aus Mathematik oder Biologie. "Sie sind vor allem Frontalunterricht und Auswendiglernen gewohnt. Gruppenarbeit ist eher unbekannt", weiß hs-Chefin Simone Henke. Der Lehrplan sei ganz anders als im Herkunftsland, etwa in Geschichte. Englisch sei in der ehemaligen Sowjetunion meist gar kein Thema. Die Haupt- oder Abendschule, wo sich Bildungswillige normalerweise auf den Hauptschulabschluss vorbereiten, könnten solche Schwierigkeiten nicht auffangen. Deshalb paukte "Lisa" mit Neuzuwanderern ohne (anerkannten) Schulabschluss den Stoff der Klassen sieben bis neun und Fach-Deutsch für Prüfungsfächer.
Teilnehmen durfte, wer weniger als fünf Jahre in Deutschland lebte. Zum Vorkurs meldeten sich 34 Interessierte aus 17 Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Asiens oder Ostasiens. Zwei Drittel der 15- bis 28- Jährigen waren Aussiedler oder Kontingentflüchtlinge der Ex-Sowjetunion. Bei Nöten aller Art standen zwei Sozialpädagoginnen bereit.
23 wurden schließlich für den Hauptkurs ausgewählt. Wie etwa der 18 Jahre alte Alexander Mut aus Kasachstan. Als 14-Jähriger kam er mit seiner Familie nach Deutschland - ohne Schulabschluss. Seine Pläne, Maler zu werden, waren am ungenügenden Deutsch gescheitert. Mit seinen Mitschülern feilte der schlanke junge Mann an Wortschatz und Grammatik, las Gedichte und hielt ein Referat, machte sich mit Begriffen wie "Chromosomen", "Immunsystem", "Säure" und "Lauge" vertraut. In Mathe entschlüsselte er Aufgaben. Vokabeln wie "Bruch", "Zähler", "Nenner" waren zu lernen. "Und beim Lösen von Gleichungen hatten wir in Kasachstan andere Rechenwege gelernt", sagt Mut.
Ein harter Brocken war für alle der Unterrichtsblock "Parlamentarische Demokratie". Mut: "Wir haben gelernt, wie ein Parlament funktioniert, wer wählen und gewählt werden darf oder was ein Ausschuss ist." Er und seine Mitschüler wissen jetzt mehr als viele Deutsche.
19 Lernwillige meldeten sich zum Schluss zur "Schulfremdenprüfung" an zwei Stuttgarter Hauptschulen an. Sie erreichten einen Durchschnitt von 2,76. "Das ist sensationell gut", weiß Simone Henke. Ein Teilnehmer habe gar eine Eins vor dem Komma geschafft, neun eine Zwei. Einer allerdings fiel durch. "Er möchte die Prüfung an der Abendschule wiederholen und hat sogar einen Ausbildungsplatz für 2009 in Aussicht", sagt Georg Ceschan.
Alexander Mut hegt mit seiner Zeugnisnote von 2,5 neue Hoffnung. Er hat 20 Bewerbungen für eine Maler-Lehrstelle verschickt - und eine Einladung zum Bewerbungsgespräch erhalten. Die meisten seiner Mitschüler suchen wie er Lehrstellen. Neun wollen die Mittlere Reife draufsetzen.
Erscheinungsdatum: Montag 21.07.2008
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