Angst vor Kartoffelscheune
Umstrittenes Lager für hochradioaktive Brennelemente in Obrigheim897 Einsprüche gegen ein atomares Zwischenlager in Obrigheim hört das Bundesamt für Strahlenschutz jetzt an. Gegner befürchten unzureichenden Schutz vor Terroranschlägen und Flugzeugabstürzen.
HANS GEORG FRANK
Mosbach Charlotte Schneidewind-Hartnagel ist sich bewusst, dass sie das atomare Zwischenlager für das Kernkraftwerk Obrigheim (KWO) nicht verhindern kann. Aber das Mitglied eines regionalen Aktionsbündnisses verlangt wenigstens "höchste Sicherheitsstandards", wie gestern in Mosbach betont wurde. Dort hört sich das Bundesamt für Strahlenschutz die Einwendungen gegen das umstrittene Projekt der Energie Baden-Württemberg (ENBW) an.
Die Gegner pochen auf eine bessere Bauweise, als dies von ENBW angeblich vorgesehen ist. So müsse die Abluft streng überwacht werden, nötig sei auch eine "heiße Zelle", in der hochradioaktive Substanzen im Notfall mit Manipulatoren bearbeitet werden könnten. Bei den Vorgaben für die Auflagen sei von "schlimmsten Szenarien" auszugehen, etwa einem Selbstmordattentat oder einem Flugzeugabsturz. Schon eine künstlich verursachte Überschwemmung könne in eine Katastrophe münden und die Region "für ewig unbewohnbar" machen.
Die Betreiber hätten "jahrzehntelang immense Gewinne" gemacht, betonte Sylvia Kotting-Uhl, Bundestagsabgeordnete der Grünen. "Sicherheitsrabatte aus Kostengründen darf es auf keinen Fall geben", sagte sie. Sie bemängelte, dass die beantragte Variante nicht dem neuesten Stand entspreche: "Das ist eine Kartoffelscheune."
Der Widerstand gegen das Projekt ist relativ schwach. Beim Bundesamt für Strahlenschutz gingen 897 Einwendungen ein. Als die Pläne für das inzwischen genutzte Zwischenlager in Neckarwestheim auslagen, meldeten 3488 Gegner ihre Bedenken an.
Das Depot als Übergangslösung ist nötig, weil verbrauchte Brennelemente direkt beim Atomkraftwerk gelagert werden müssen. Deshalb darf nicht an andere Standorte ausgewichen werden, auch wenn sich dort noch Platz böte.
Bei dem Obrigheimer Zwischenlager handelt es sich um eine Stahlbetonhalle - 35,3 Meter lang, 17,8 Meter breit, 16,7 Meter hoch. Die Wände sind 85 Zentimeter dick, das Dach misst 55 Zentimeter. Sie bietet Platz für 15 Transportbehälter des Typs Castor 440/84 mvK, in denen 342 ausgemusterte, hochradioaktive Brennelemente verstaut werden können. Ursprünglich hatten die Kraftwerksbetreiber die Castoren lediglich mit einer Betonhaube abdecken wollen. Diese "Atomgarage" war nicht nur von Kernenergiekritikern vehement abgelehnt worden. Auch die Reaktorsicherheitskommission hält diese Lösung für unzulässig, da sie nur für eine Zwischenlagerung vor dem Zwischenlager - etwa fünf Jahre - als zulässig angesehen wird. Was jetzt neben dem stillgelegten Atommeiler entstehen soll, ist für 40 Jahre gedacht. Spätestens dann soll das seit Jahren diskutierte und umstrittene "Endlager" zur Verfügung stehen.
Die Halle muss errichtet werden, weil die Brennelemente derzeit in einem internen Nassbecken stecken, das den Abbruch des Nuklearkomplexes verhindert. Die Demontage des ersten kommerziellen Atomkraftwerks kann begonnen werden, da inzwischen die Genehmigung dafür vorliegt. KWO, das 1969 ans Netz ging, wurde am 11. Mai 2005 abgeschaltet.
Dass Obrigheim wegen des Zwischenlager noch lange ein "atomarer Standort" bleibt, vermag Bürgermeister Roland Lauer (CDU) nicht zu schrecken: "Wir sehen das nicht so dramatisch", sagte er der SÜDWEST PRESSE. Allerdings konnte er seine Verärgerung über die Ursache nicht verhehlen: "Das liegt daran, dass die Bundesregierung den Hintern nicht hochkriegt." Seit 1992 mahnten die Bürgermeister von AKW-Kommunen ein Endlager "intensivst" an.
Erscheinungsdatum: Donnerstag 09.10.2008
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