Bäcker fürchten um die Breze
Ein neues EU-Gesetz soll die Salzmenge gesunder Lebensmittel begrenzenEin EU-Gesetz sorgt für Wirbel. Um die künftig zulässige Menge Salz in Brot und Brezeln ist ein Streit entbrannt, es geht um die Frage der Gesundheit. Bayerische Bäcker fürchten um die Vielfalt ihrer Produkte.
DOROTHEE JUNKERS UND SABINE DOBEL, DPA
München/Brüssel Sie sprechen von "Bürokratiewahnsinn" und einem Angriff auf die "Geschmacksvielfalt unserer deutschen Backwaren": Bäcker laufen Sturm gegen EU-Pläne zur Festlegung von Salz- Grenzwerten in Brot und Brötchen. Vor allem bayerische Bäcker sind erbost: Die traditionelle Breze und auch das Salzstangerl mit dem extra aufgestreuten Salz wären nach den Vorschlägen der EU dann nicht mehr "gesund".
Gerade in Bayern gebe es eine besondere Vielfalt an Backwaren, sagt der Landesinnungsmeister des bayerischen Bäckerhandwerks und Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Heinrich Traublinger. "Wir betrachten unsere Backwaren als gesund und wir lassen sie nicht diskriminieren. Wenn ich die Idee der Europäischen Union weiterspinne, müsste künftig in der Gaststätte das Salzbüchserl am Tisch verschwinden." Zwar soll Brot mit höherem Salzgehalt nicht verboten werden - aber man darf es nicht mehr als "gesund" bezeichnen, selbst wenn es sich um Vollkornbrot handelt. Die EU-Kommission will mit so genannten Nährwertprofilen von Nahrungsmitteln die Verbraucher aufklären und zu einer gesünderen Ernährung bringen. Schon vor gut zwei Jahren hatten die Mitgliedstaaten der EU, also auch Deutschland, und das Europaparlament die Brüsseler Behörde beauftragt, "Nährwertprofile" zu erstellen.
Die Kommission erarbeitete mit Hilfe der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Vorschläge. Nach einer öffentlichen Anhörung mit Verbraucherschützern, Industrievertretern oder Wissenschaftlern sollen die "Nährwertprofile" demnächst im Ausschuss für Lebensmittel von Vertretern der EU-Staaten verabschiedet werden.
Die Profile sollen sicherstellen, dass das, was auf der Packung steht, auch stimmt. "Fettarm", "zuckerfrei", "ballaststoffreich", "gut für die Abwehrkräfte" nennen sich jetzt schon viele Lebensmittel - oft zu Unrecht. Mit der Neuregelung soll sichergestellt werden, dass die Angaben richtig und wissenschaftlich fundiert sind, heißt es bei der EFSA in Parma.
"Nur bei Produkten, die echte gesundheitliche und ernährungstechnische Vorteile bieten, darf auf Etiketten und bei der Vermarktung darauf Bezug genommen werden", fordern die Experten. Übersteigt zum Beispiel der Fettgehalt eine bestimmte Höchstgrenze, darf das Produkt nicht mehr als "gesund" bezeichnet werden - und als "fettfrei" schon gar nicht.
Beim Brot soll es die Kennzeichnung "gesund" laut Kommissionsvorschlag nur noch geben, wenn je 100 Gramm maximal ein Gramm Salz verwendet wurde. Schließlich fördert zu viel Salz allerlei Krankheiten wie Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
In Deutschland sind im fertigen Brot jedoch üblicherweise meist eineinhalb bis zwei Gramm. Das Salz im Teig sei wie Gewürze auch notwendig, damit das Korn überhaupt seinen vollen Geschmack entfalten kann, sagt der gelernte Bäckermeister Traublinger, der mit seiner Familie selbst einen eingesessenen Betrieb führt.
Nun fürchten Bäcker und Verbraucher einen europäischen Einheitsteig, der auch noch fad und pappig schmeckt. Auch die bayerische Europaministerin Emilia Müller (CSU) setzt sich gegen die Salz- Regelung ein, und der FDP-Bundestagsabgeordnete Daniel Volk sagt: "Europa steht für Freiheit - lasst den Bayern deshalb ihre Brezn."
Die Kommission weist den Protest zurück. Ein Produzent müsse die Obergrenzen ja nur dann einhalten, wenn er Nährwert- oder Gesundheitsaussagen für sein Produkt treffen wolle, betonen Kommissionsexperten. "Ohne sie kann also weiterhin jeder Bäcker sein Brot mit soviel Salz backen, wie er will." Und vor allem gehe es ja im Kern um die Frage, ob etwa Hersteller von Milchschokolade oder stark gezuckerten Vitamin-Bonbons oder Joghurts ihre Produkte in der Werbung oder auf der Verpackung als "gesund" bezeichnen dürfen.
Dennoch: Der Protest der Bäcker-Lobby - vor allem des europäischen Dachverbands CEBP - trägt Früchte. Wenn der Ausschuss in einigen Wochen abstimmt, dann vermutlich über einen Kompromiss. Denkbar sei, dass beispielsweise in einem Vollkornbrot auch bei einem höheren Salzgehalt die Bezeichnung "gesund" erlaubt bleibt.
Erscheinungsdatum: Samstag 14.02.2009
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