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Der Wunsch nach Normalität
Die Albertville-Schule geht neue Wege, ohne das Massaker zu vergessen

Monate nach dem Amoklauf in Winnenden schaut die Albertville-Realschule auch wieder in die Zukunft. Aus dem Alptraum soll ein Traum werden - ein starkes Selbstwertgefühl der Schüler soll dazu beitragen.

ULRIKE SCHLEICHER

Bad Boll/Winnenden  Noch immer fehlen Antworten. Etwa auf die Frage: Ob der Amoklauf des 17-Jährigen hätte verhindert werden können, wenn alle aufmerksamer und sensibler gewesen wären? Oder: Ist der jetzt eingeschlagene Weg der richtige, geht nicht alles zu schnell? Trotz dieser offenen Fragen, versuchen Schüler, Lehrer und Eltern der Albertville-Realschule in Winnenden Perspektiven zu entwickeln.
 
Unter dem Titel "Winnenden hat einen Traum" will die Schule zu einer Reformschule werden, die auch "anderen Schulen den Weg weist". Das sagte Christine Forster gestern auf einer Tagung zum Amoklauf von Winnenden in der Evangelischen Akademie Bad Boll, an der zahlreiche Lehrer aus dem Land, Vertreter der Behörden, Mitglieder der Kirche und Experten wie die Kriminologin Britta Bannenberg (siehe Artikel rechts) teilnahmen.
 
Thematisiert wurden bei der Tagung neben der Aufarbeitung des Amoklaufes, welche Konsequenzen die Gesellschaft daraus zieht und die Prävention. Innerhalb des Publikums entflammte schnell eine Grundsatzdiskussion um das Schulsystem. Während die einen Ganztagesschulen, kleinere Klassen, Schulsozialarbeiter und nicht zuletzt mehr Geld für Bildung forderten, lehnten andere eine "allzu große Konzeptdiskussion zum jetzigen Zeitpunkt ab". So hätten die Schulen auch jetzt schon genügend Freiräume, um etwas zu verändern und zu gestalten, sagte etwa Hans-Dieter Baumgärtner, Rektor des Lessinggymnasiums in Winnenden, der eine Antimobbing AG ins Leben rief und eine Computerspiele-AG plant. "Denn wir müssen wissen, wovon wir reden, wenn wir Schülern die Augen öffnen wollen." Verteufeln bringe nichts.
 
Innerhalb der gegebenen Möglichkeiten beschreitet auch die Albertville-Realschule den Weg zur Modellschule. Die Stärkung des Selbstwertgefühls der Schüler sei dabei wesentlich, sagte Christine Forster. Mehrere Projekte seien auf den Weg gebracht. Unter anderem Fördergruppen für Mathematik, Englisch und Deutsch. "Es gibt erlebnispädagogische Projekte wie Kochen, Tanzen", nannte sie Beispiele. Im Angebot sei Medienerziehung und in einem Musikprojekt, das mit Unterstützung der Rotarier auf die Beine gestellt wird, lernen Schüler Songtexte zu schreiben, sie werden von der Popakademie Mannheim beraten und "im Frühjahr findet ein Konzert statt". 43 Schüler arbeiteten in der ökumenischen Schulgemeinde mit.
 
Ziel sei aus einer sinnlosen Tat etwas Sinnhaftes zu machen. "Leben müssen wir trotzdem damit", gab Forster zu bedenken. So gehe es der einen oder anderen Lehrkraft noch immer sehr schlecht. Die Doppelbelastung - einerseits das eigene Trauma zu verarbeiten und andererseits die Verantwortung für die Schüler zu tragen - sei erdrückend. Andere Lehrer hingegen wollten etwas bewegen und schöpften aus ihrer Arbeit Kraft. Außerdem habe die
 
Schule nach dem Amoklauf neue Lehrer bekommen. Diese wiederum brächten Energie in die Schule, sagte Forster.
 
Den meisten Schülern gehe es wieder ganz gut, sagte eine 15-jährige Schülerin. Auch weil sie nun alle wieder zusammen in einem Schulgebäude Unterricht haben. Sie selbst verarbeite ihre Ängste mit Freunden und mit Hilfe von Musik, sagte sie in einem Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Die Familie wolle sie nicht damit belasten. "Es ist klar, dass man jeden Tag daran denkt, aber trotzdem muss es weitergehen." Ihre Mitschülerin dagegen bespricht sich mit ihren Eltern. "Ich habe sehr viel Angst seitdem", sagte sie. Vor allem vor dem Sterben. Und ihr gehe oft durch den Kopf, dass "es nur Zufall war, dass wir an diesem Tag in einem anderen Stockwerk waren." Trotzdem richtet auch sie den Blick in die Zukunft, für die sich die Schüler vor allem wieder die Rückkehr in die Normalität wünschen: "Denn sie bietet auch Verlässlichkeit."
 




Erscheinungsdatum: Mittwoch 30.09.2009

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