DROGEN / Kontrollierte Abgabe von HeroinEndlich nicht mehr kriminell
Modellprojekt in Karlsruhe erfolgreichDie koordinierte Abgabe von Heroin in Karlsruhe scheint sich nach einem Jahr bewährt zu haben. Die Teilnehmer fassen neuen Mut. Einige wollen wieder arbeiten.
EPD
KARLSRUHE Die Zufriedenheit ist Rainer Blobel anzusehen. Vor gut einem Jahr ist das Projekt der kontrollierten Heroin-Abgabe in Karlsruhe angelaufen. Als Drogenkoordinator der Stadt wurde Blobel damals mit vielen Befürchtungen konfrontiert, vor allem aus den Reihen der CDU. Keine davon hat sich bewahrheitet. "Es gibt keine Anwohnerklagen, im Umfeld der Heroin-Ambulanz ist es völlig ruhig", berichtet Blobel von den regelmäßigen Treffen mit der Polizei. Auch die Sorge, der Modellversuch könne mehr Drogenabhängige in die Stadt ziehen, erwies sich als unbegründet.
An dem auf drei Jahre angesetzten wissenschaftlichen Projekt beteiligen sich außer Karlsruhe noch Hamburg, Hannover, Köln, München, Bonn und Frankfurt am Main an den Start. Die Kosten für die wissenschaftliche Begleitung trägt der Bund, für die Abwicklung vor Ort kommen Städte und Bundesländer auf - mit Ausnahme von Baden-Württemberg und Bayern.
Die Studie untersucht, ob die kontrollierte und von Ärzten betreute Abgabe von Heroin bei besonders schweren Fällen ein alternativer Behandlungsweg sein kann. Das ist in der Schweiz und den Niederlanden bereits anerkannt. Erreicht ist bereits ein erstes Ziel: die Süchtigen aus der Beschaffungskriminalität herauszuholen.
Nicht alle der 48 Karlsruher Teilnehmer bekommen Heroin. Die Hälfte der Patienten wird mit der Ersatzdroge Methadon versorgt. Nur so sei ein Vergleich möglich, erläutert Blobel. Im Frühjahr 2004 sollen erste Ergebnisse vorliegen. Zugelassen wurden für das Projekt "nur die ganz harten Fälle", erklärt der Karlsruher Drogenbeauftragte. Mindestens fünf Jahre lang mussten die Probanden vor dem Projekt bereits abhängig gewesen sein. "Im Schnitt blicken sie auf 15 Jahre Sucht zurück."
Für die Betroffenen ist die Teilnahme an der Studie alles andere als ein Zuckerschlecken. Regelmäßige ärztliche Untersuchungen, tägliche Besuche in der Ambulanz, Einzelgespräche mit Sozialarbeitern, Drogenberatung und Psychotherapiegruppe. "Am Anfang war es nicht einfach, aber für mich ist das Projekt eine große Erleichterung", sagt ein Mann aus der Heroingruppe. Der gelernte Einzelhandelskaufmann ist seit mehr als zehn Jahren abhängig. Klinikaufenthalte, Entgiftungen und erfolglose Methadon-Programme liegen hinter ihm. "Ich hatte keine Kraft mehr, gegen meine Sucht anzukämpfen", erzählt er. Jetzt fühlt sich der junge Mann langsam stärker und versucht, die Heroin-Dosis zu reduzieren.
Zeit für "normale" Dinge
Wichtiger sei aber, dass für ihn der Stellenwert der Droge gesunken ist und er sich aus dem kriminellen Umfeld befreien konnte. "Früher warst du nur damit beschäftigt, wie, wann und wo hole ich mir neuen Stoff." Heute findet er Zeit für "normale" Dinge. So geht es auch anderen. "Einige Patienten haben wieder Lust auf Arbeit bekommen", berichtet Blobel.
Manche erledigen nun Gartenarbeiten bei der Arbeiterwohlfahrt, dem Träger des Projekts. "Dabei haben einige seit Jahren keinen Finger mehr gerührt", sagt Blobel.
Erscheinungsdatum: Freitag 06.06.2003
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