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Erregte Gemüter
Maulkorb für NPD-Mitglied bei Infoabend in Ulm

Ein bekennendes NPD-Mitglied hat am Mittwoch einen Infoabend über die rechtsextreme Partei besucht. Das sorgte für hitzige Debatten, obwohl der junge Parteigänger fast nichts gesagt hatte.

Benjamin Hechler

Ulm  Drei Zuhörer sorgten bei einem Informationsabend über die NPD für Aufsehen. Die Freidenker Ulm/Neu-Ulm hatten ins Haus der Gewerkschaften eingeladen, wo der Potsdamer Politikwissenschaftler Christoph Kopke erläuterte, wie die NPD strukturiert ist und was hinter ihrem Programm steckt.
 
Unter den rund 60 Zuhörern saß ein bekennendes NPD-Mitglied, flankiert von zwei muskulös gebauten, barhäuptigen Männern.
 
Kopke beschrieb die NPD als „vorsichtig und moderat“ nach außen hin. Soziale Themen wie die Kritik an Hartz IV nutze die Partei um mit der Angst vor Armut Stimmen zu fangen. Dabei sehe der im Programm geforderte Fürsorgegedanke weit weniger sozial aus.
 
Als Kopke mit seinem Vortrag fertig war, der NPD eine „durchgängig aggressive Judenfeindschaft“ attestiert hatte und etwas schleppend Fragen aus dem Publikum kamen, meldet sich ein junger Mann zu Wort: Er sei Mitglied der NPD und wolle mitdiskutieren.
 
Unschlüssige Stille erfüllte für Sekunden den Raum. Hatte doch wenige Minuten zuvor Referent Kopke gesagt, man solle NPD-Mitglieder bei Veranstaltungen nicht zu Wort kommen lassen, weil sich Diskussionen sonst in eine unerwünschte Richtung drehten. Dabei war der junge Mann mit dem dunklen Haar höflich. Er hatte sogar gefragt, ob er überhaupt etwas sagen darf. Schließlich hatte das NPD-Mitglied sich auf der Webseite der Freidenker informiert und dort gelesen, dass der Verein sich nicht mit Faschisten und Nazis an einen Tisch setzen will.
 
Doch er sei weder das eine noch das andere, betonte der Mann. Moderator Siegfried Späth vom Verein der Freidenker wirkte unschlüssig, setzte gerade zu einer Antwort an, als aus der letzten Reihe ein lautes „Nein“ schallte. Eine Frau erklärte ausführlich und lautstark, sie wolle das alles nicht hören. Wenn sie Interesse an NPD-Propaganda hätte, würde sie eine Veranstaltung der Partei besuchen. Rund zwanzig Besucher klatschen Beifall.
 
Der Maulkorb passte wiederum anderen Besuchern nicht. „Ich wähle seit 1990 die PDS“, schickte einer der Redner voraus um nicht selbst ins rechte politische Lager eingeordnet zu werden. Dass der junge Mann nun nichts sagen dürfe, passe überhaupt nicht zur Meinungsfreiheit, sagte der Mann. „Ich möchte mich nicht mit Leuten unterhalten, die mich in ein Lager sperren würden, wenn sie an die Macht kämen“, konterte Referent Christoph Kopkes scharf.
 
Das ging einem anderen Zuhörer zu weit. „Ich fühle mich unwohl, wenn jemandem das Wort entzogen wird“, sagte er. Die Frau aus der letzten Reihe legte darauf wieder los. Auf keinen Fall dürfe der „Nazi“ etwas sagen. Sie verurteilte Gewalt gegen Ausländer und warf dem stillen NPD-Mitglied vor, solche Ausschreitungen zu unterstützen. Sie lud den jungen Mann zum „Zug der Erinnerung“ ein, einer am Montag beginnenden Ausstellung im Ulmer Hauptbahnhof über die Deportation jüdischer Kinder in Vernichtungslager. Zwischenzeitlich war es einigen Zuhörern zu bunt oder spät geworden. Sie verließen den Saal.
 
Zwischen den emotionalen Debatten über die Redefreiheit versuchte Kopke Fragen zur NPD zu beantworten. Der Wissenschaftler stichelte mit seinen Antworten immer wieder in Richtung des Trios, verwies etwa auf einen vermeintlichen „Hass auf Deutschland“. Das ging den zwei Begleitern zu weit. Der eine verließ den Saal mit einem „Servus“, der andere mit hochrotem Kopf. Der dritte im Bund blieb bis zum Ende – ohne ein Wort zu sagen.
 




Erscheinungsdatum: Donnerstag 16.04.2009 21:37 Uhr

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