Im Erinnern keimt Verantwortung Auftakt der "Farbspur" im Schlosshof von Grafeneck - Erste "Mordfabrik" im NS-Staat
Mehrere hundert Menschen haben gestern den Start der "Spur der Erinnerung" in Grafeneck miterlebt. Die Aktion erinnert an die Beschlagnahmung von Grafeneck durch die Nationalsozialisten vor 70 Jahren.
RALF OTT
Grafeneck Der Weg der Enteignungsurkunde führte von der Reichskanzlei in Berlin über das Innenministerium in Stuttgart und das Münsinger Landratsamt bis nach nach Grafeneck: Vor 70 Jahren überreichte der damalige Landrat Richard Alber dem Vertreter der Samariterstiftung, die das "Heim für krüppelhafte Männer" 1928 erworben hatte, das amtliche Dokument, das den Weg ebnete für, so Pfarrer Dr. Hartmut Fritz, "die Erprobung der späteren Tötungsmaschinerie" der Nationalsozialisten.
Gestern nun markierte die Auftaktveranstaltung für die "Spur der Erinnerung" im Schlosshof von Grafeneck den Beginn einer viertägigen Aktion, die nach den Worten von Heimleiter Markus Mörike an "unermessliches menschliches Leid erinnern" soll und zugleich die Bereitschaft dokumentieren, sich der Geschichte zu stellen und aus den Ereignissen für die Zukunft zu lernen.
Insgesamt 7000 Menschen sind in die Aktion eingebunden, um auf der 80 Kilometer langen Strecke von Grafeneck bis zum Stuttgarter Karlsplatz einen lila Farbstrich auf die Straße aufzumalen. Um die Detailorganisation der Strecke haben sich etwa 200 Menschen in 17 Aktionskreisen gekümmert und zudem 160 Begleitveranstaltungen auf die Beine gestellt. Bereits vor zwei Jahren haben die Organisatoren mit den Vorbereitungen begonnen, sagte Harald Habich als Vertreter des zentralen Aktionskreises. Im Verlauf der Vorbereitung habe sich zu der gemalten Spur eine "gefahrene, eine gelaufene und eine geflogene Spur" hinzugesellt.
Nach dem musikalischen Auftakt durch den Posaunenchor Gomadingen erinnerte Mörike daran, wie an dem Ort, an dem 1939 und 1940 mehr als 10 000 Menschen umgebracht wurden nun schon seit Jahrzehnten Menschen mit Behinderung Hilfe und Unterstützung erhalten. "Grafeneck ist ein Teil unserer Geschichte", betonte er. Dieses Bekenntnis bringe die Farbspur zum Ausdruck und trage es bis nach Stuttgart. Jeder müsse sich bereits gegen Anfänge von Ausgrenzung und Geringschätzung zur Wehr setzen.
Die über mehrere Tage hinweg gezogene Farbspur von Grafeneck als "Tatort" bis zum Innenministerium in Stuttgart und damit den Arbeitsplätzen der, laut Habich, "regionalen Schreibtischtäter", trage die Erinnerung weg von einem Punkt in den Raum hinein, zolle der Zeit Tribut und erlaube nicht zuletzt die Beteiligung vieler Menschen.
Dem ausführlichen Wissen über die historischen Tatsachen der Ermordung der behinderten Menschen in Grafeneck stellte Landrat Thomas Reumann die bis heute anhaltende Unfähigkeit, das Geschehen auch zu begreifen, gegenüber. Er bezeichnete Grafeneck als die "erste Mordfabrik" in der in Deutschland und der Welt Menschen systematisch umgebracht worden seien. Weil "Brutalität der Täter und das Leid der Opfer" unvorstellbar seien, sei die Erinnerung auch in immer neuen Formen unerlässlich, um sich dem Geschehen anzunähern. Reumann erinnerte an die Macht der Befehlskette und würdigte das Verhalten des damaligen Münsinger Landrates. So habe Alber die Enteignungsurkunde bereits am 10. Oktober 1939 erhalten, jedoch erst vier Tage später ausgehändigt. Damit blieb der Heimleitung genügend Zeit, die Bewohner in Sicherheit zu bringen und viele Utensilien aus dem Heim mitzunehmen. Soweit bekannt sei, habe Alber im Dritten Reich als einziger Landrat in Württemberg und Baden den Bruch mit dem NS-Regime vollzogen, obwohl der überzeugte Nationalist bereits 1933 der NSDAP und der SA beigetreten sei. "Dazu haben die Vorgänge in Grafeneck sicher einen Teil beigetragen", sagte Reumann. Als er dies im Verlauf des Krieges immer deutlicher zu erkennen gab, wurde er 1944 von seiner Sekretärin angezeigt. Er floh in die Schweiz. "Alber hat damit ein deutliches Zeichen der Zivilcourage gezeigt", betonte der Landrat.
Als "arbeitsteiliges Großverbrechen" charakterisierte Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte und des Dokumentationszentrums Grafeneck, die Morde an 10654 Menschen. Grafeneck sei ein Wendepunkt in der deutschen Geschichte und ein zivilisatorische Rückschritt in die Barbarei. Zugleich wertete er es als "außerordentliche Leistung der Gesellschaft, sich an die Verbrechen zu erinnern".
Denn: Geschichte vergeht nicht, sondern rücke vielmehr näher. So sei in Grafeneck erst 1985 eine Erinnerungstafel angebracht, 1990 die Gedenkstätte eingerichtet und 2005 das Dokumentationszentrum eröffnet worden. Das Interesse an Grafeneck nehme zu.
Wichtig sei es, mit der Erinnerung gegen das Vergessen anzugehen um die Opfer nicht noch einmal sterben zu lassen, betonte Pfarrer Dr. Hartmut Fritz, Vorstandsvorsitzender der Samariterstiftung. Die verletzte Würde der Opfer treffe auch die Würde jedes anderen Menschen. Er appellierte daran, sich auch im alltäglichen Leben auf die Seite der Opfer zu stellen und nicht einfach wegzusehen. Schüler der Sternbergschule in Gomadingen hatten in einem Halbkreis um die Gedenkstätte ein Feld aus Holzstelen angebracht, auf denen 10 654 aufgemalte Kreuze an die in Grafeneck getöteten Menschen erinnerten. Mit kurzen Redebeiträgen riefen sie unter anderem in Erinnerung, dass bis zu 100 Menschen dort an dem planmäßigen Massenmord mitarbeiteten.
Erscheinungsdatum: Mittwoch 14.10.2009
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