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EBS-Kraftwerk: Streit ist am Siedepunkt
Beim Info-Abend der Projektbetreiber Vattenfall und Heidelberg Cement prallen die Meinungen aufeinander

Beim Infoabend von Vattenfall und Heidelberg Cement zum geplanten EBS-Kraftwerk in Schelklingen prallten die Meinungen aufeinander. Die Experten der Unternehmen stießen auf gut informierte Bürger.

BERNHARD RAIDT

Schelklingen  Transparente mit bissigen Aussagen, Zwischenrufe und zahlreiche Bürger, die sich zu Wort meldeten - der Streit um das geplante EBS-Kraftwerk in Schelklingen hat am Dienstag bei der Info-Veranstaltung von Vattenfall und Heidelberg Cement erneut einen Siedepunkt erreicht. Auch Bürgermeister Michael Knapp musste sich am Dienstag einen Weg durch eine Versammlung zorniger Bürger bahnen, die ihm vor der Stadthalle Schilder mit Texten wie "Knapp: Sei Volksvertreter anstatt EBS-Verräter" entgegenhielten und ihn als "Schmutzfink" titulierten. Knapp gab daraufhin gestern eine persönlichen Erklärung ab (siehe Text links).
 
Die beiden Firmen, die das umstrittene Kraftwerk bauen möchten, hatten für die Info-Veranstaltung keine Kosten gescheut, um die rund 500 Bürger in der Stadthalle von der Ungefährlichkeit des Projekts zu überzeugen. Umweltingenieur Karl Lüder von Vattenfall präsentierte zunächst allgemeine Daten: Geplant sei kein Mülltourismus nach Schelklingen, sondern eine Verwertung der 700 000 Tonnen Müll, für die es in Baden-Württemberg momentan keine Entsorgungskapazität gebe. "EBS-Kraftwerke sind aktiver Klimaschutz", versicherte Lüder, der die Umweltverträglichkeitsuntersuchung präsentierte, die der Tüv im Auftrag der Firmen erarbeitet hatte. "Der Tüv hat bestätigt, dass alle Immissionswerte weit unter den Grenzwerten liegen werden", sagte Lüder. Die Zusatzbelastung sei durch eine moderne Abgasreinigung vernachlässigbar gering. In dem vom Regierungspräsidium eingeleiteten Genehmigungsverfahren würden alle Planungsunterlagen ausgelegt, sagte Lüder, jeder könne Einwendungen einreichen, die die Behörde dann prüfe.
 
Auch der Arzt und Biologe Dr. Thomas Eikmann von der Universität Gießen hatte im Auftrag der Firmen die Auswirkungen des EBS-Kraftwerks untersucht. Eikmann verwendete dazu als Referenz Daten aus Ulm - was ihm bei der anschließenden Diskussion von den Kraftwerks-Gegnern vorgeworfen wurde. "Irgendwo muss ich die Daten ja hernehmen", rechtfertigte sich Eikmann. Für Schelklingen gebe es noch kein entsprechendes Datenmaterial. Fazit des Wissenschaftlers: "Durch das Kraftwerk ändert sich nichts." Die Luftbelastung in Schelklingen sei mit oder ohne Kraftwerk nahezu gleich hoch. "Eine Reduzierung des Straßenverkehrs bringt da viel mehr", sagte er. Auch ein erhöhtes Risiko, durch das Kraftwerk an Krebs zu erkranken, konnte Eikmann nicht erkennen.
 
Vattenfall-Projektleiter Olaf Schümann erläuterte ein Nahwärmekonzept für Schelklingen. Geplant sei ein privatwirtschaftliches Unternehmen, dass mit der Abwärme des Kraftwerks Haushalte und öffentliche Einrichtungen in Schelklingen mit Wärme versorgt. Dazu muss ein neues Leitungsnetz gebaut werden.
 
"Wir haben dringenden Handlungsbedarf": Zementwerks-Leiter Hans Georg Kraut forderte dringend den Bau des EBS-Kraftwerks. "Wir sind ständig auf der Suche nach günstigen Stromerzeugern, auch die Konkurrenz schläft nicht", sagte Kraut. Das Kraftwerk biete 35 neue Arbeitsplätze und werde die Wirtschaft beleben: Es sei eine Investition von 120 Millionen mit jährlichen drei Millionen Instandhaltungskosten, wobei eine Million an Firmen in der Region gehe. 450 000 Euro zusätzliche Gewerbesteuer erhalte Schelklingen mit dem ersten vollen Betriebsjahr der Anlage, sagte ein Vertreter der Firma Vattenfall - eine Summe, die laut Vattenfall-Vertreter Lüder auch schriftlich fixiert werden könne.
 
Was sich aber schon während der Vorträge mit Zwischenrufen wie "Sie sind ein bestochener Gutachter" und "Wir wollen diese Dreckschleuder nicht" andeutete, wurde offensichtlich, als die Diskussionsrunde eröffnet wurde: Die Wut zahlreicher Bürger über die Pläne ist groß. Es meldeten sich ausschließlich Gegner des Kraftwerks zu Wort - und die Bürger hatten ihre Redebeiträge zum Teil gut vorbereitet. Stefan Auer von der Bürgerinitiative "Pro Schelklingen" griff etwa Dr. Eikmann massiv an: Als Sachverständiger der Bundesregierung habe er einst eine Verschärfung der Grenzwerte gefordert. "Dann sind Sie einfach auf die andere Seite gewechselt", warf Auer dem Mediziner vor. Eikmann habe sich keine Mühe gemacht, die Vorbelastung in Schelklingen zu untersuchen. "Das halte ich für unseriös", sagte Auer.
 
"Die Nahwärme ist die Karotte, die sie uns vor die Nase halten", sagte ein anderer Bürger. Es gebe bereits jetzt in Schelklingen ein größeres Risiko für eine Prostata- oder eine Brustkrebs-Erkrankung. Mit dem EBS-Kraftwerk komme garantiert auch eine Klärschlammtrocknung, um günstigen Brennstoff für das Zementwerk zu erhalten, kritisierten mehrere Redner. "Wir verstehen, dass das ein tolles betriebswirtschaftliches Konzept ist", sagte Stefan Auer von der BI. "Aber für die Schelklinger Bürger bringt es nur ein erhöhtes Verkehrsaufkommen." Die Müllmenge, die im Schelklinger Kraftwerk landen sollen, stieß etlichen Bürgern sauer auf. "Wir verbrennen mit 230 000 Tonnen dann doppelt so viel Müll wie im Ulmer Kraftwerk", zürnte eine Bürgerin. "Es reicht, es reicht jetzt schon für den ganzen Alb-Donau-Kreis." Ein Bürger zitierte Aussagen von Müllunternehmen - Müllkraftwerke seien demnach in Zukunft kaum lukrativ zu betreiben. "Lassen Sie das doch einfach unsere Sorge sein", antwortete Karl Lüder von Vattenfall. Wortbruch warf eine Bürgerin den Firmenverantwortlichen vor - sie hätten immer damit geworben, dass die Bürger das letzte Wort in Sachen Kraftwerk haben werden. Er habe immer nur den Gemeinderat damit gemeint, sagte Zementwerks-Leiter Kraut, vom Bürgerentscheid sei nie die Rede gewesen - eine Aussage, die ihm von Seiten der Bürgerinitiative den Vorwurf der "Spitzfindigkeit" eintrug.
 




Erscheinungsdatum: Donnerstag 11.09.2008

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