Der gute Deutsche von Nanking
John Rabe hat 1937 zigtausend Chinesen das Leben gerettet - Ehinger Gymnasium benennt SMV-Preis nach ihmSpätestens nach der 59. Berlinale ist er bekannt: John Rabe - der Oskar Schindler Chinas. Bei einer Reise nach Nanjing hat das Ehinger Gymnasium diesen Mann für sich entdeckt und ihm einen Preis gewidmet.
NINA RECKMANN
Ehingen John Rabe - es gibt ein Buch, ein Museum und jetzt auch einen Kinofilm, der so heißt. Und immer geht es um dieselbe Person: um den guten Deutschen von Nanking, den Oskar Schindler Chinas. Bei der 59. Berlinale hatte der Film "John Rabe" Premiere, ab dem 2. April kommt er in die Kinos. Ein Muss für Schulleiter Wolfgang Aleker und die Schüler der Chinesisch-AG am Johann-Vanotti-Gymnasium. Während einer ihrer ersten Reisen nach Nanjing waren sie auf diesen Mann aufmerksam geworden. Seit vergangenem Jahr trägt der SMV-Preis für die Schülersprecher seinen Namen - Nummer vier in der Runde.
"Damit wollten wir einen in Deutschland noch weitgehend Unbekannten aus der Versenkung holen", erklärt Aleker die Motivation den SMV-Preis nach dem Deutschen zu benennen, der 1937 während der japanischen Besetzung Nankings - heute Nanjing - mit anderen Europäern und Amerikanern über 200 000 Chinesen das Leben gerettet hat. Und das, obwohl er seit 1934 Mitglied in der NSDAP gewesen ist. Wie geht das zusammen?
Dieser scheinbare Gegensatz ist es auch, der Andrea Heinz an der historischen Figur fasziniert. "Einerseits war Rabe ein Sympathisant Hitlers, andererseits hat er die Chinesen vor den Japanern in Schutz genommen", sagt die Abiturientin. Im Oktober 2007 ist sie mit einigen Mitschülern des Ehinger Gymnasiums in Nanjing gewesen. Auf dem heutigen Gelände der Universität besichtigten die Ehinger das ehemalige Wohnhaus des John Rabe, der 1908 nach China ausgewandert ist. Als die Japaner dort einmarschierten, lebte er bereits 30 Jahre in Nanking. "Er war so weit weg, dass er mit den Nazis wahrscheinlich nicht viel zu tun hatte", sagt Andrea Heinz.
Im Garten neben dem John-Rabe-Haus ist ein Bunker, erinnert sie sich. Dort und auf seinem gesamten Grundstück hatte Rabe - der offizielle Repräsentant der Firma Siemens in China - während des "Massakers von Nanking" über 600 Chinesen versteckt. Im Untergeschoss des Hauses befinden sich heute Schaukästen mit Briefen. Einer ist an Adolf Hitler adressiert. "Darin hat Rabe ihn um Unterstützung gegen die Japaner gebeten", sagt Andrea Heinz.
Japanische Truppen waren im Juli 1937 in China einmarschiert und hatten am 13. Dezember die damalige chinesische Hauptstadt Nanking besetzt. John Rabe gründet mit 15 anderen Europäern und Amerikanern ein "Internationales Komitee der Nanking Schutzzone", er selbst wird Vorsitzender. Zusammen richten die Ausländer eine rund sieben Quadratkilometer große Schutzzone ein, auf der über 200 000 Chinesen Zuflucht finden. Das Komitee ist die einzige Instanz, die die Japaner akzeptieren.
Zwischen 100 000 und 300 000 Chinesen kommen von Dezember 1937 bis Februar 1938 ums Leben. Noch im selben Monat muss John Rabe das Land verlassen. In Berlin versucht er das Massaker mit Vorträgen öffentlich zu machen, was ihm seine Partei jedoch untersagt. Im Jahr 1950 stirbt er an einem Schlaganfall. In China wird er verehrt und gilt als "guter Deutscher von Nanking". Im Jahr 1997 wird für ihn eine Statue in Nanjing errichtet.
Die wohl wichtigsten Dokumente von John Rabes Wirken und dem Massaker von Nanking sind seine Tagebücher, die Rabes Enkelin Ursula Reinhardt 1996 veröffentlichte. Im Jahr 2005 eröffnete John Rabes Enkel - Thomas Rabe - ein Museum und Kommunikationszentrum über seinen Großvater in Heidelberg. Vor ungefähr einem Jahr nahm Wolfgang Aleker Kontakt zu dem Verwandten auf. Im April will Thomas Rabe dem Gymnasium einen Besuch abstatten.
Info
Thomas Rabe, der Enkel von John Rabe, hält am 23. April um 19 Uhr einen Vortrag über seinen Großvater in der Aula des Ehinger Gymnasiums.
Erscheinungsdatum: Samstag 21.02.2009
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