Dubioses im Hinterzimmer
Hauptsitz in Ungarn, 5000 Vertriebspartner in Deutschland, aber erst drei oder vier Autos abgesetzt. So präsentierte sich am Dienstagabend die Firma MCS in einem Altenstädter Gasthaus.
PHILIP PALLMANN
Geislingen Eine Sportgaststätte in Altenstadt, abends halb acht. Leere Stühle und freie Tische, wohin man blickt, doch im Hinterzimmer drängen sich über 20 Personen. Im Internet haben sie davon gehört: Bei "Multi Car System" (MCS) kann man einen Neuwagen für 62,50 Euro im Monat fahren, und jedes Jahr gibts einen neuen. Sie witterten das Schnäppchen ihres Lebens und nahmen - wie es sich für einen anständigen Schwaben geziemt - die Fährte auf, welche sie zu dieser Verkaufsshow führte.
Gleich zu Beginn wird eine Anwesenheitsliste rumgereicht. Wer zögert, Daten wie seine Privatnummer einzutragen - man wollte sich doch nur mal unverbindlich informieren - wird harsch dazu gedrängt. Nicht von Thomas, dem Referenten, sondern von den anderen Kunden.
Thomas ist Anfang 40, korpulent, kommt aus Pforzheim und trägt Brille. Die badische Gemütlichkeit in seiner Stimme wird von seiner Aufgeregtheit schlicht übergequasselt. Er scheint ganz wuschig vor lauter Jubel über das "sensationelle Angebot", das er dem Publikum unterbreiten darf. Es ist zunächst merkwürdig: Wann immer Thomas bei seinen Ausführungen in Erklärungsnot gerät, springt ihm einer der Zuhörer bei. Denn viele sind als MCS-"Vertriebspartner" in ein Prämiengeflecht verstrickt, undurchschaubarer als jede Doktorarbeit über Quantenphysik. So oft Thomas das System auch zu entwirren versucht, er verheddert sich jedes Mal. Jedenfalls erklärt das, warum sich einige "Kunden" im Raum wie Verkäufer aufführen.
Tatsächlich liest sich das Geschäftskonzept in etwa so, als würfle man 100 Teile aus 100 verschiedenen Puzzlespielen zusammen. Manche der Interessenten ziehen die Brauen zusammen, schütteln wild mit dem Kopf, eine Frau ruft immer wieder: "Noooiii!"
Thomas zelebriert eine Revue des Chaotischen: Er legt Folie um Folie auf den Tageslichtschreiber, kritzelt auf einem Plakat haarsträubende Schaubilder, es sind vielmehr Wegschaubilder. Zumal er sich bei einfachsten Rechnungen heillos verfilzt. Kritische Nachfragen speist er mit Wischi-Waschi-Antworten ab. Das überaus negative Medienecho von MCS, erklärt Thomas, sei bundesweit einem einzelnen "Schmierfink" zuzurechnen, der auch immer Aloe-Vera-Händler verunglimpfe. Aber der Bundesnachrichtendienst - der Auslandsgeheimdienst wohlgemerkt! - sei hinter der Sache her, wirft jemand aus dem Raum ein.
Im Grunde hat MCS alles, was bei einem potenziellen Kunden Skepsis erregen muss: Stammsitz ist eine Freihandelszone im ungarischen Györ. Weil in Ungarn der Staat für Bankguthaben hafte, behauptet Thomas. Wer ein Auto bestellt, zahlt erst mal rund 500 Euro Kaution und Bearbeitungsgebühr. Nach vier bis zehn Monaten, viel genauer könne man es leider nicht sagen, stehe der Wagen bereit. Irgendwo im Harz, irgendwo bei Thale, meint Thomas und grinst, nachdem er zum vierten Mal gesagt hat: "In Dunkeldeutschland halt." So leicht bekommt man auch keinen Mustervertrag zu Gesicht, Probefahrten gibt"s ebenfalls keine. Wer seinen eigenen Versicherungstarif behalten will, zahlt monatlich 90 Euro Strafgebühr an MCS. Und wenngleich die Firma sich mit über 5000 Vertriebspartnern in ganz Deutschland rühmt, hat sie erst drei oder vier Autos abgesetzt, gesteht Plappermaul Thomas kleinlaut.
Im Kern solls so funktionieren: MCS kauft ein Auto über eine mysteriöse Agentur für 17 000 Euro (statt üblich 30 000 Euro), lässt seine Kunden damit fahren und verkauft es hernach für 22 000 Euro in ein exotisches Land. Aber es stellen sich noch tausend Fragen, nicht zuletzt diese: Warum hält eine Firma, deren Internetseite in den letzten zwei Monaten angeblich 2,4 Millionen Besucher hatte, ihre Verkaufsveranstaltungen in Hinterzimmern ab?
Erscheinungsdatum: Donnerstag 27.03.2008
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