Zurück in Kinderheimat Estnische Gäste aus Übersee kommen nach Geislingen

Wiedersehen mit dem Ort ihrer Kindheit: Aus Übersee kommen demnächst bis zu 35 Esten, die noch Kindheitserinnerungen an Geislingen haben. In den Nachkriegsjahren lebten sie in der Fünftälerstadt.

RODERICH SCHMAUZ

Geislingen  Annähernd 5000 Esten hat es in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach Geislingen verschlagen. Zwischen 1945 und 1950 belegten diese "Displaced Persons" mehrere Stadtquartiere, bevor sie in andere Staaten auswanderten. Jetzt, rund 60 Jahre danach, zieht es einige, die fünf Jahre ihrer Kindheit in Geislingen verbracht haben, zurück in die Fünftälerstadt. Am Donnerstag werden 30 bis 35 Esten in Geislingen erwartet. Sie werden voraussichtlich bis Samstag bleiben. Sie kommen von weit her: aus den USA, Kanada und Australien.
 
Organisiert wird die Erkundung der Geislinger "Kinderheimat" von Dr. Mai Maddison. Die 67 Jahre alte Ärztin und bildende Künstlerin aus Melbourne regte in der Estnischen Zeitung, die in den USA, Kanada und Australien erscheint, den gemeinsamen Besuch an.
 
Sie selbst weilte in den vergangenen Jahren bereits zweimal in Geislingen. Als sie vor sieben Jahren ausführlich die Stadtkirche besichtigte, kam sie mit Albert Schaible ins Gespräch, der dort Aufsicht führte. "Die Dame erinnerte sich genauestens an ihre Geislinger Jahre", staunte Schaible damals. Ihr liebster Spielplatz sei unter dem "Castle" (Helfenstein) in der Schlosshalde gewesen. "Auf ihren Wunsch besuchten wir alle Plätze in Geislingen und Umgebung, an die sie sich erinnerte", erzählt Schaible.
 
Am Donnerstag um 17 Uhr wird die Reisegruppe die Uhlandschule besichtigen, die in den Nachkriegsjahren zur estnischen Schule umfunktioniert worden war. Am Freitag um 10 Uhr empfängt Oberbürgermeister Wolfgang Amann die Besuchergruppe, für 11 Uhr ist eine Stadtführung in englischer Sprache mit Christel Mühlhäuser von der Schwäbischen Landpartie angesetzt. Die Esten hatten im Zweiten Weltkrieg, auf staatliche Unabhängigkeit hoffend, an der Seite der deutschen Wehrmacht und Hitlerdeutschland gegen die stalinistische Sowjetunion gekämpft. Als die Rote Armee gen Westen vorrückte, flohen viele Esten, weil sie aus leidvoller geschichtlicher Erfahrung die schlimmsten Repressalien durch Stalin befürchteten.
 
So verschlug es Esten auch nach Württemberg. In der amerikanisch besetzten Zone wurden sie in Geislingen konzentriert. Ihre Unterbringung traf die Ortsansässigen hart. Denn durch Flüchtlinge und Besatzungstruppen (allein für 1500 US-Soldaten waren 135 Gebäude requiriert) war die Wohnungsnot bereits groß. Die Geislinger waren deshalb nicht begeistert, als sie für die Esten von einem Tag auf den anderen Häuser räumen mussten. In den Wohnquartieren Schlosshalde, Weiler Steige, Siebenquellenweg, am Türkheimer Berg links der Karlstraße und im Hospitalweiher wohnten nahezu fünf Jahre lang die Esten. Sie bildeten eine Stadt in der Stadt mit eigener Infrastruktur - zum Beispiel mit einer Zeitung und einem regen und vielfältigen kulturellen Leben.
 
Bald war es den Esten klar, dass sie in absehbarer Zeit kaum in ihre alte Heimat zurückkehren können. Ihnen lagen aber aus europäischen Ländern und aus Übersee Einreiseangebote vor. 1950 wurde das Geislinger Estenlager offiziell wieder aufgelöst. Einige Esten blieben in Geislingen. 1991 wohnten noch 28 Esten hier. Im Mai 1987 fand letztmals ein bundesweites Treffen der Esten in der Jahnhalle statt.
 
Mit dem Zusammenbruch der UdSSR errangen die baltischen Staaten 1991 ihre nationale Unabhängigkeit in vollem Umfang. Am 6. November 2000 besuchte Staatspräsident Lennart Meri die Fünftälerstadt, um auf dem Geislinger Friedhof einen Kranz am estnischen Totenehrenmal niederzulegen.
 
Info
 
Die Geschichte des Geislinger Estenlagers hat Bernhard Stille aufgearbeitet im Buch "Vom Baltikum ins Schwabenland"; Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn, 1994
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 09.09.2008

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