Krautrock mit Sog-Gefahr
Kraan entführt bei der Rätsche auf eine Zeitreise durch alle Schaffensphasen

Mit ihrem mitreißenden Beat berauschten "Kraan" in ihrer Urbesetzung ihr Publikum in der Rätschenmühle. Sog-Gefahr steckte auch im einzigartigen Zusammenspiel der drei "Ur-Kraaniche".

SABINE GRASER-KÜHNLE

Geislingen  "Wie früher", schwärmten die einen, während andere sich einfach mit geschlossenen Augen der berauschenden Musik hingaben. "Kraan", in den 70ern als "Krautrock" betitelt, hat nach beinahe 40 Jahren seit Gründung der Beatband, in keiner Weise an Faszination verloren. Zahlreich waren sie der Band in die Rätsche gefolgt, Fans, die "Kraan" mit all ihren Auf und Abs in unterschiedlicher Besetzung die Treue halten, Altfans, die nach der Wiederformierung 2000 wieder ihre alten Kraan-Aufnahmen aus dem Plattenschrank heraus gekruschtelt haben und junge Leute, die sich dem Stil der Band ebenfalls nicht entziehen können.
 
Zwar entführten die drei "Ur-Kraaniche", Bassist Hellmut Hattler, Gitarrist Peter Wolbrandt und sein Bruder Jan Fride, der Schlagzeuger, auf eine Art Zeitreise durch die Schaffensphasen der Band, und dennoch war stets das Gefühl präsent, hier wird Gegenwarts-Musik gespielt. Da wallte das Blut beim treibenden Bass- und Drums-Drive aus einem der frühen Songs "Holiday am Marterhorn" genauso wie beim lasziven "Silver Buildings" aus dem neuesten Album "Psychodelic Man". Die "Kraaniche" ließen weder Alters- noch Müdigkeitserscheinungen erkennen und noch in den Applaus hinein begannen sie mit dem nächsten Song.
 
Wenn Hattler von alten Zeiten erzählte: "Unser Publikum, zugekifft von Lambrusco und Schwarzem Afghanen, war immer total erschrocken, wenn wir mit dem Spielen aufhörten", hatte er die Lacher auf seiner Seite. Doch auch ohne solche "Stimulanzen" ließ das Trance-Gefühl bei diesem "Kraan-Beat" in der Rätsche nicht lange auf sich warten.
 
Die Sog-Gefahr steckt nicht nur in der Musik, sondern auch am einzigartigen Zusammenspiel der drei Musiker. "Wir kennen uns schon seit Kindheitstagen, sind die drei, die schon immer Kraan waren", flachste Hattler, "wir sind die Einzeller." Und genau so verschmolz ihre Musik zu einem einzigen rhythmisch mitreißenden Beat, die Songs und Improvisationen reihten sich Stück für Stück, wie ein sich in den Schwanz beißendes Tier aneinander. Dazu flimmerten bizarre Architekturen, geometrische Figuren oder das Matterhorn blitzlichtartig im Hintergrund über die Leinwand und Aufnahmen alter Auftritte illustrierten die alten Songs.
 
Bestachen die Ur-Songs mit ihrer so eigenen Mixtur aus Jazz, Rock und östlichen Elementen, wo sich lange und rasante Improvisationen mit lyrischen Passagen abwechselten und Peter Wolbrandt seine Gitarre in waschechter Hendrix-Manier erklingen ließ, ist es bei den neuen Stücken das Mehr an Hall und Echo, Klangverzerrer, noch mehr Impros und Ethnoanleihen, welche die Musik scheinbar zeitlos machen. "Kraan" eben.
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 28.04.2009

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