Am Tisch mit Horst Köhler
HT-Leser sitzen an Tafel der Demokratie und feiern den BundespräsidentenErbseneintopf verbinden Feinschmecker eher mit der Bundeswehr als mit dem Bundespräsidenten. Einige HT-Leser denken in Zukunft aber bestimmt anders - seit sie an der Tafel der Demokratie in Berlin saßen.
JOACHIM MAYERSHOFER
Crailsheim/Berlin Als sich Carolin Steinert auf ihrem Stuhl mit der Nummer BRE 37 niederlässt, ahnt sie bald, dass der Abend kein alltäglicher wird. Rechts neben der 35-jährigen Crailsheimerin bleiben zwei Plätze an der Tafel der Demokratie zu Füßen des Brandenburger Tores frei. Ein Fotograf, der sich kurz auf einen der in weiße Hussen gehüllten Stühle setzt, wird freundlich, aber bestimmt aufgefordert, wieder aufzustehen. "Da war mir schnell klar, dass er da sitzt", sagt Carolin Steinert. Mit "er" ist Horst Köhler gemeint, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Das Staatsoberhaupt hat zum Auftakt seiner zweiten Amtszeit 1500 Gäste (darunter 20 HT-Leser) aus ganz Deutschland nach Berlin geladen, um mit ihnen zu feiern.
Und Carolin Steinert ist eine von wenigen Personen, die den Bundespräsidenten nicht nur hinter breiten Leibwächtern versteckt kurz sehen, sondern mit ihm sogar aus nächster Nähe reden können. Nach einer gründlichen Einweisung durch die Protokollchefin wohlgemerkt. "Keine Fotos, keine Geschenke, ganz ruhig bleiben", so die Vorgaben. Den Hauptgang - Erbseneintopf à la Adlon mit Kalbstafelspitz - genießt das Präsidentenpaar direkt neben der Steuerberaterin aus Crailsheim. Später beschreibt sie Horst Köhler als sehr sympathischen, unkomplizierten, unterhaltsamen und lockeren Menschen mit tiefgründigem Wissen. "Ich kann nur Positives über ihn berichten", schwärmt die 35-Jährige von ihrer Begegnung mit dem Staatsoberhaupt. Beeindruckt ist sie davon, wie entspannt er mit dem "extremen Medienrummel" umgeht. Bis Horst Köhler gegen 22.45 Uhr den Pariser Platz durch das Brandenburger Tor verlässt, wird er auf Schritt und Tritt von Bodyguards und Fotografen begleitet.
Schon bei seiner Ankunft gegen 19.30 Uhr klicken und blitzen die Kameras ununterbrochen. Mit Gattin Eva steigt der Bundespräsident aus seiner tiefschwarzen Staatskarosse, schreitet bei herrlich blauem Himmel durchs Brandenburger Tor über den samtroten Teppich und schüttelt an dessen Ende unzählige Hände. Unter anderem die von Ulrike Durspekt-Weiler, Karl Durspekt, Eva Hartmann und Sophia Abou El-Komboz. Das Quartett begleitet Horst Köhler an seinen Sitzplatz und wird selbst zum gefragten Fotomotiv. "Wir sind die Fränkische Familie aus Crailsheim, mit C am Anfang, am Autobahnkreuz Feuchtwangen/Crailsheim", diktiert Karl Durspekt einem Medienvertreter aus Frankfurt in den Notizblock.
Die Elftklässlerinnen Sophia und Eva dürfen sich zwischen den Promis Johann Lafer, Richard David Precht und Dr. Eckhard von Hirschhausen selbst wie kleine Berühmtheiten vorkommen. Die Mädchen haben für ihren Berlin-Besuch vom Albert-Schweitzer-Gymnasium extra schulfrei bekommen. Wieder in der Klasse können sie davon berichten, dass der Bundespräsident sie gefragt hat, "was wir denn vertreten". Dass die Vorspeise - Sülze vom Havelzander mit Flusskrebsen - nicht ihr Fall ist, nehmen die beiden mit einem Lächeln hin. Dafür schmeckt der Kirsch-Mandel-Kuchen zum Nachtisch umso besser.
Derweil findet ein Ur-Berliner an Hohenlohe gefallen: Sänger Frank Zander, den in der Menschenmasse nicht jeder gleich erkennt ("Ist das der Wowereit?"), sucht in der schwülen Berliner Luft des Öfteren den gelben Trabbi der Firma Engel auf und genießt etliche frisch gezapfte Biere. Nicht nur darüber schmunzelt die Crailsheimer Reisegruppe. Mit dem Abend sind alle vollauf zufrieden. Am meisten aber strahlt Dr. Dietrich Schmoll aus Satteldorf, für den ein großer Wunsch in Erfüllung geht: Der 78-Jährige kann sich persönlich bei Horst Köhler für das Bundesverdienstkreuz bedanken, das Schmoll für seine Hilfsarbeit in Äthiopien bekommen hat.
Erscheinungsdatum: Dienstag 07.07.2009
Diesen Artikel bei swp.de lesen