Projekt: Fremde brauchen Freunde
Dietenheimer Achtklässler beschäftigen sich mit Migration und der Heimat"Fremde brauchen Freunde": Mit diesem Seminarthema gastierte der Jugendmigrationsdienst bei Achtklässlern in Dietenheim. Ziel des mehrstündigen Workshops: Verständnis füreinander wecken.
BEATE REUTER-MANZ
Dietenheim Zehn Schüler, sechs mit ausländischen Familienwurzeln: Es ist eine kleine Multi-Kulti-Gemeinschaft, die sich kurz vor den Sommerferien für ein außergewöhnliches Projekt an der Dietenheimer Haupt- und Werkrealschule entschieden hat. "Fremde brauchen Freunde - Interkulturelle Sensibiliserung" lautet das Thema des mehrstündigen Seminars, mit dem die Diplom-Pädagogin Christine Baur von IB-Jugendmigrationsdienst in Dietenheim und ihre Ulmer Kollegin, die diplomierte Sozialpädagogin Kornelia Zorembski vom "In Via", Premiere an der Schule feiern. Die beiden haben es in Zusammenarbeit mit Ulrike Barth und Claudia Stahl-Harder vom katholischen Jugendsozialwerk München das Konzept entwickelt. Seit 1994 unterstützen Jugendmigrationsdienste junge Menschen, die neu nach Deutschland kommen oder bereits länger hier leben und beim Eingewöhnen auf Schwierigkeiten stoßen. Integrationsbedingte Probleme nennt das die Fachwelt. Ziel der Bemühungen ist eine schulische, berufliche und soziale Integration.
Neben der Beratung und den Gruppenangeboten sei die "Vermittlung interkultureller Kompetenz" eine relativ neue Aufgabe, erzählt Baur, die seit 1994 für den Internationalen Bund in Dietenheim wirkt. Will heißen: Menschen unterschiedlicher Herkunft sollen sensibilisiert werden für die eigene Kultur und für andere. Genau das ist auch das Ziel des mehrstündigen Workshops. "Mit Hilfe von verschiedenen Übungen und Methoden möchten wir unsere eigenen Erfahrungen genauer anschauen, die wichtigsten Wanderungsbewegungen nach und weg von Deutschland erarbeiten und die Gründe dafür analysieren", beschreibt Baur den Ablauf des Seminars.
An diesem Donnerstag Vormittag stecken die Dietenheimer Schüler schon mittendrin. Am Morgen haben sie von ihren Geburtsorten erzählt, von Umzügen von einer Stadt in eine andere, von einem Land in ein anderes, von der Heimat ihrer Eltern. Und so erfährt die Gemeinschaft, dass Schüler nicht nur in der Türkei Schuluniformen tragen müssen, sondern auch in Rumänien. "Im normalen Alltag unterhalten sich die jungen Leute nicht über ihre Wurzeln", weiß Baur aus Erfahrung. Für einen Austausch über Migration und Wanderungsbewegungen, über Flüchtlinge und Ausländer fehle aber auch im Schulalltag die Zeit. "Wir mit unserem Projekt können da ansetzen und Anregungen geben."
Mit dem Besuch des in Dietenheim arbeitenden Sozialpädägogen Ali Gök erlebt dieser Erfahrungsaustausch seinen Höhepunkt. Denn der heute 37-Jährige ist ein Paradebeispiel dafür, wie Integration funktionieren kann. In Markdorf geboren, lebte Gök bis zu seinem 14. Lebensjahr im schönen Meersburg am Bodensee. 1986 entschlossen sich seine Eltern zur Rückkehr in ihre türkische Heimat. Dieser Schritt stellte das Leben des jungen Ali, der den deutschen Lebensstil gewohnt war und Türkisch längst nicht so gut sprach. auf den Kopf. Etwa drei Jahre dauerte es, so erinnert er sich, bis er sich in seiner neuen Heimat eingelebt hatte. "Integration anders herum", sagt er heute. Nach einem Germanistik-Studium in Istanbul kehrte Gök als Auslandsstudent nach Deutschland zurück, um an der FH Weingarten Sozialpädagogik zu studieren. Heute leitet er in Dietenheim das Projekt "Spot on", kümmert sich um Jugendliche.
Für Emre, Cem, Aleksej und Lokman aus der achten Klasse ist Ali kein Unbekannter. Sie haben ihn in Jugendgruppen kennen gelernt. Dennoch haben sie an diesem Tag Fragen zuhauf. Ob für ihn das Leben in Deutschland oder die Türkei besser sei, ob er Ausländerfeindlichkeit erfahren habe, wollen die Jugendlichen zum Beispiel wissen. "Ich fühle mich als Deutscher und als Türke, beide Länder sind meine Heimat", antwortet der Wanderer zwischen den Kulturen und macht deutlich, dass es ein "schlechter oder besser" für ihn nicht gibt. Andere Länder, andere Sitten, andere Mentalitäten,versucht Gök seinen Gesprächspartnern klar zu machen. Es gehe darum, die jeweilige Andersartigkeit zu akzeptieren, "sonst macht man sich und anderen das Leben schwer." Ausländerfeindlichkeit, weiß Gök aus Erfahrung "kann auf beiden Seiten passieren." Und er fordert seine jungen Zuhörer auf, sich nicht nur vordergründiger Klischees über einzelne Nationalitäten zu bedienen, sondern zu hinterfragen, sich selber eine Meinung bilden. "Ihr müsst Euch einlassen auf den Anderen."
In der kleinen Projektgemeinschaft fühlen sich die Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln zwar als Dietenheimer oder als Balzheimer, nicht immer aber als Deutsche. "Ich habe einen deutschen Pass, aber ich bin Türke", sagt einer, der die Heimat seiner Eltern nur aus dem Urlaub kennt, mit dem Brustton der Überzeugung. Einig sind sich die Teilnehmer in der positiven Bewertung des Projekts. "Wir haben viel Neues erfahren von den Mitschülern. Weshalb die Eltern nach Deutschland gekommen sind, und wie sie vorher lebten." Für viele sei es in der neuen Heimat jetzt sicher besser, sinniert eine Schülerin, bevor sie von den Projektleiterin mitgenommen wird auf eine Phantasie-Reise zum Thema Flucht und in das "Museum der Migration."
Info
Weitere Infomationen über das Seminar der Jugendmigrationsdienste "Interkulturelle Sensibilisierung" gibt es bei Christine Baur, Telefon (07347)4854 oder bei Kornelia Zorembski, Telefon (0731)206335
Erscheinungsdatum: Samstag 25.07.2009
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