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Spuren, die zutiefst erschüttern
Ausstellung über die "Tötungsfabrik" Grafeneck im Foyer des Metzinger Rathauses eröffnet

In diesem Monat erinnert eine "Spur der Erinnerung" von Grafeneck nach Stuttgart an die Tötung behinderter Menschen vor 70 Jahren. Jetzt wurde eine Ausstellung über die Geschehnisse in Grafeneck eröffnet.

WIELAND LEHMANN

Metzingen  Eine Tötungsfabrik in der Nähe? Opfer aus Familien, die hier lebten? Aufarbeitung der Geschichte macht um keine Region einen Bogen. Was vor 70 Jahren in Grafeneck geschah, ist nicht nur mit einer Gedenkstätte zu erfassen. Wer 1939 in grauen Bussen dorthin kam, hatte Wurzeln in Familien, die auch hier lebten. Was mit "Aktion T4" harmlos klingt, bezeichnet eine Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4, in der der Tod, genauer der Mord, residierte. Die Spuren verweisen deutlich auf einen administrativen Weg, an dessen Beteiligung sich viele schuldig machten.
 
Mit einem Trauermarsch von Beethoven leitete Wilfried Klaffke am Klavier die Eröffnung der Ausstellung musikalisch ein. Der Trauer folgten Fakten, die auch nach 70 Jahren unter die Haut gehen. "Von Januar bis Dezember 1940 wurden in Grafeneck 10 654 Menschen durch Gas ermordet". sagte Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler. Er zitierte die Ermächtigung dazu durch Hitler, in dem sogar von einem "Gnadentod" die Rede war. Und er benannte die Kriterien der Auswahl der Opfer, worunter Menschen fielen, "wenn sie nicht oder nur noch mit mechanischen Arbeiten beschäftigt werden können".
 
Diese Zahl, belegt durch das Schwurgericht Tübingen 1949, wurde immer wieder genannt, doch das Ermessen fällt schwer. Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, freute sich über die Ausstellung in Metzingen, die seit 2003 gezeigt wird, in der Region aber bisher wenig Beachtung fand. Er ging auf die Themenblöcke der Ausstellung ein, machte ihren historischen Kontext deutlich. Er sprach von "Krankenmorden", die am Ende in den Holocaust führten. Er richtete seinen Blick von der Berliner Planungszentrale auf die Landesebene. Das Reichsinnenministerium habe Erlasse, Meldebögen, Kriterien verfügt, doch die Innenministerien in Baden und Württemberg seien in diesem Prozess aktiv involviert gewesen. Den Ausschlag für Grafeneck habe seine abseitige Lage gegeben. Nicht nur Opfer aus der Region seien relevant gewesen, der erste Bus sei aus München gekommen. Einige Geburtsorte der Opfer seien auch in der Schweiz und im Rheinland auszumachen. Deren Schicksale seien noch heute vielfach unerforscht. Das Metzinger Stadtarchiv hat die Ausstellung mit den Opfern aus Metzingen ergänzt. Man habe damit den Opfern zusätzlich ein Gesicht gegeben, sagte Rolf Bidlingmaier. Sieben aus Metzingen, je zwei aus Neuhausen und Glems wurden in Grafeneck in den Gastod geschickt. Nur drei seien von Geburt aus geistig behindert gewesen, für die anderen sei ihre psychische Erkrankung für die Tötung ausschlaggebend gewesen. An Martha Jäger und Friederike Schäfer kam der Stadtarchivar zwei dieser Opfer mehr als nah. Vor allem ihre von ihm verlesenen Briefe an die Metzinger Bürgermeister ließen auch die letzte Distanz zum damaligen Geschehen schwinden. Da musste selbst der Beifall verhalten bleiben.
 
Info
 
Die Ausstellung ist bis zum 14. Oktober im Foyer des Rathauses zu sehen.
 




Erscheinungsdatum: Donnerstag 08.10.2009

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