Äußerst aktiver Zustand
Der Schlaf gerät erst in den 80er Jahren ins Blickfeld der Mediziner

Der Schlaf ist ein körperlich und seelisch aktiver Zustand, das ist bekannt.
 
Und auch die Lehre vom Schlaf, die Somnologie,
 
hat sich als wissenschaftliche Disziplin etabliert.

Wenn wir eingeschlafen sind, sind wir plötzlich nicht mehr da. Unser Bewusstsein ist ausgeschaltet. Mit der Tatsache, dass wir im Schlaf träumen, hatten sich zwar bereits die antiken Philosophen auseinandergesetzt - die Hirnforschung ging jedoch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts davon aus, dass das In-den-Schlaf-fallen ein ähnlicher Mechanismus sei wie das Ausschalten einer Lampe.
 
Erst mit der Erfindung der Elektroenzephalographie (EEG) durch den Neurologen und Psychiater Hans Berger (1924) konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass der Schlaf - so wie das Wachsein - ein körperlich und seelisch aktiver Zustand ist.
 
In den 1930er Jahren zeichneten Hirnforscher erstmals die Hirnströme während des Schlafs in einem Enzephalogramm (EEG) auf.
 
In den Zickzacklinien, die die von den Elektroden auf der Kopfhaut abgeleiteten Spannungsschwankungen nachzeichneten, erkannten sie ein Muster, das charakteristisch für den Zustand des Schlafens war und einem eigenen Rhythmus folgte. Diese systematischen Untersuchungen des Schlafs mithilfe der Enzephalographie begründeten die moderne Schlafforschung.
 
Als einer der ersten soll der Hirnforscher Alois Kornmüller 1937 am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch die Veränderungen der Hirnströme während des Schlafs, bei Ermüdung und nach der Einnahme von Wachmachern wie Koffein untersucht haben.
 
Erst in den 1980er Jahren geriet der Schlaf in das Blickfeld der Medizin. Auslöser war die erstmalige Beschreibung der weitverbreiteten und mit der Atmung in Zusammenhang stehenden Schlafstörung Schlafapnoe. Weil diese Störung auf eine organische Ursache zurückgeht, befassten sich nach Hirnforschern und Psychologen nun auch Kardiologen, Pulmologen und Neurologen mit dem Schlaf. In der Folge entstanden in Deutschland die ersten schlafmedizinischen Zentren zur Behandlung von Schlafstörungen.
 
Die Schlafforschung unterscheidet heute insgesamt fünf Schlafphasen. Jede dieser Schlafphasen wird im EEG mit einer charakteristischen Zickzacklinie abgebildet.
 
Von Phase 1 bis Phase 4 nimmt die Frequenz der Hirnströme ab, während die Amplitude, also die Stärke des elektrischen Signals, steigt. Diese vier Phasen - vom leichten bis zum tiefen Schlaf - durchläuft ein Mensch etwa innerhalb der ersten 50 bis 60 Minuten nach dem Einschlafen. In Stufe 4 schlafen wir tief, bewegen uns aber noch. Danach durchläuft der Schlafende die Phasen in umgekehrter Reihenfolge, von Phase 4 nach Phase 1.
 
Schließlich wird der so genannte REM-Schlaf erreicht. Die nächsten Stunden folgen dem gleichen Muster, der Mensch pendelt zwischen Leicht- und Tiefschlaf hin und her, wobei die REM-Schlafphasen länger werden und sich die Tiefschlafphasen verkürzen, je näher der Morgen rückt. Das als REM-Schlaf bekannte Phänomen wurde 1953 erstmals von einer Gruppe US-amerikanischer Forscher beschrieben.
 
Die Abkürzung REM steht für Rapid Eye Movement und weist auf das schnelle Hin- und Herbewegen des Augapfels hin, das diese Schlafphase kennzeichnet. Ebenfalls charakteristisch für den REM-Schlaf ist die vollständige Lähmung des Bewegungsapparats sowie die Werte von Blutdruck und Puls, die denen des Wachzustands entsprechen. Das Gehirn ist in dieser Phase sogar stärker durchblutet als im Wachzustand. Es benötigt mehr Nährstoffe als sonst, was auf eine gesteigerte Aktivität hindeutet.
 
Der REM-Schlaf wird auch als Traum-Schlaf bezeichnet, weil Menschen in dieser Schlafphase am ehesten träumen. Dies wurde seit den 1950er Jahren mit zahlreichen Experimenten nachgewiesen, bei denen Probanden aus verschiedenen Schlafphasen geweckt und nach ihren Träumen befragt wurden.
 
Weil der REM-Schlaf physiologisch gesehen ein einzigartiger Zustand ist, der sich sehr stark von den anderen Schlafphasen absetzt, fasst die Schlafforschung die Schlafphasen 1 bis 4 auch unter dem Begriff Non-REM-Schlaf zusammen. REM-Schlaf erscheint wie ein paradoxer physiologischer Zustand: Man ist hoch erregt und schläft zugleich sehr fest.
 
Info
 
Der Text von Kristina Vaillant ist ein Auszug aus der Einführung zum 13. Berliner Kolloquium der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung, das im Mai zum Thema "Somnologie - Erkenntnisse einer neuen Wissenschaft" stattgefunden hat.
 




Erscheinungsdatum: Samstag 26.09.2009

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