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Protest gegen Kahlschlag
Warnstreik bei Oerlikon in Ebersbach - Schuler und WMF solidarisch

300 Menschen beim Protestmarsch und 400 bei der Kundgebung in Ebersbach: Der Warnstreik bei Oerlikon hat gestern für Aufsehen gesorgt. Die Mitarbeiter kämpfen für Beschäftigungs- und Standortsicherung.

SUSANN SCHÖNFELDER

Ebersbach  "Hartz IV - wir kommen", "Dank Oerlikon arbeitslos" oder "Hast Du Oerlikon im Haus, fliegen viele Leute raus". Die Schriftzüge auf den Plakaten zeigen, wie tief der Frust bei den Mitarbeitern des Ebersbacher Textilmaschinenherstellers sitzt. Rund 200 Beschäftigte sind deshalb gestern dem Aufruf der IG Metall und des Betriebsrats gefolgt. Der Warnstreik begann um 13 Uhr vor dem Werkstor in der Hans-Zinser-Straße und endete auf dem Ebersbacher Marktplatz, wo eine Protestkundgebung gegen den geplanten Kahlschlag stattfand. 70 von den rund 300 Beschäftigten soll gekündigt werden, 78 weiteren ist angeboten worden, in ein Werk nach Nordrhein-Westfalen zu wechseln. "Wir wollen den Erhalt von Standort und Beschäftigung, zumindest aber eine angemessene Entschädigung für den Verlust unserer Arbeitsplätze", lautete die Forderung der Mitarbeiter, die von Delegationen der Firmen Schuler, WMF, Strassacker, Südrad und Plattenhardt unterstützt wurden.
 
In dem Zug, der mit Trillerpfeifen und roten Mützen auf sich aufmerksam machte und bisweilen den Verkehr zum Stocken brachte, marschierte auch Thomas Benkert mit. Der 47-Jährige arbeitet seit 21 Jahren bei Oerlikon, früher Zinser: "Damals waren wir noch 2000 Mitarbeiter, jetzt sind wir 300", erzählt der Mann, der in der Entwicklung tätig ist, wehmütig. Noch sei er von der Kündigungswelle nicht betroffen, "aber die Situation geht nicht spurlos an einem vorbei. Wir feiern regelmäßig Abschied in der Entwicklung, weil einige von sich aus gehen", sagt Benkert. Die Angst, dass am Standort Ebersbach die Lichter komplett ausgehen, ist groß. "Unter 50 hat man vielleicht grad noch eine Chance, einen Job zu finden", denkt Thomas Benkert laut nach.
 
Die Befürchtung, dass das Werk im Filstal mittelfristig geschlossen wird, hat auch der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Falkenstein immer wieder geäußert. Und auch die Mitarbeiter, die mit einem Sarg aus Pappe symbolisch den Standort des 1949 gegründeten Unternehmens Zinser zu Grabe tragen, treibt diese Sorge um. Oerlikon-Pressesprecher André Wissenberg widerspricht jedoch vehement: "Es ist definitiv falsch, dass der Standort platt gemacht wird." Rund 160 Mitarbeiter führten das Ringspinntechnologie-Zentrum in Ebersbach weiter - "und diesen gegenüber haben wir eine Verpflichtung", fügt Wissenberg hinzu. Er will auf dem Weg zum Marktplatz anhand von Zahlen aufzeigen, dass die Restrukturierung unumgänglich sei: "Die Auftragssituation ist dramatisch. Im dritten Quartal 2008 hatten wir einen Umsatzrückgang von 30 Prozent und einen Auftragseinbruch von 50 Prozent." Die Geschäftsleitung habe Verständnis, dass die Beschäftigten auf ihre Situation aufmerksam machen wollen, sagt der Pressesprecher, an der Lage werde sich jedoch nichts ändern.
 
Der Betriebsratsvorsitzende sieht das jedoch anders. Jürgen Falkenstein wurmt, dass die Geschäftsleitung den Sozialplan und den Interessenausgleich nur mit dem Gesamtbetriebsrat und nicht mit den Ebersbacher Betriebsräten verhandelt habe. "Wir werden jetzt über die juristische Schiene den Arbeitgeber zu Verhandlungen zwingen", sagt Falkenstein. Ziel sei es, für die nicht gekündigten Mitarbeiter eine Beschäftigungs- und Standortgarantie und für die vom Stellenabbau Betroffenen eine "angemessene Entschädigung" zu erwirken. Beide Seiten werden sich nun auf der Einigungsstelle des Arbeitsgerichts treffen. Wissenberg will möglichst schnell Klarheit, damit die Oerlikon-Mitarbeiter wissen, wie es weitergeht. Im übrigen sei sowohl der im Dezember verabschiedete Sozialplan als auch der Interessenausgleich gültig, betont er.
 
Harsche Kritik übte Gewerkschaftssekretär Gerhard Wick an Managern, die Gewinne an die Aktionäre weitergäben, statt Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden. Der IG-Metaller sprach sich für Kurzarbeit statt Arbeitslosigkeit aus und forderte die Mitarbeiter aller Betriebe auf, gemeinsam gegen Personalabbau zu kämpfen. Solidarisch erklärte sich auch der Ebersbacher Bürgermeister Edgar Wolff. Er forderte die Geschäftsleitung auf, "alle Alternativen zu prüfen, um Stellen zu sichern". Soweit es in ihrer Macht stehe, werde die Stadt die Betroffenen unterstützen, stärkte der Rathauschef den Menschen bei der Kundgebung den Rücken.
 




Erscheinungsdatum: Dienstag 17.02.2009

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