Die Geschichte des Schreibens
Kalligrafin Claudia Bärbel Kirsamer bei Göppinger MuseumsfestSo freiheitsliebend wie er war, so eigenwillig schrieb er - Friedrich von Schiller. Beim Museumsfest im "Storchen" ging die Kalligrafin Claudia Bärbel Kirsamer auf die Geschichte des Schreibens ein.
MARGIT HAAS
Göppingen Das Schönschreiben ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Die Kalligrafin Claudia Bärbel Kirsamer weiß auch, weshalb. "Aus der heutigen Schulschrift kann sich keine gute Handschrift entwickeln."
Beim zwölften Museumsfest beim "Storchen" lud sie ein zu einer Zeitreise durch die Geschichte der Schrift - und der Schreibwerkzeuge. Friedrich von Schiller etwa habe "am liebsten mit dem Gänsekiel geschrieben, obwohl zu seiner Zeit die Stahlfeder schon erfunden war". Mitte des 18. Jahrhunderts war sie in Aachen entwickelt worden. Da der Gänsekiel aber elastischer war, "setzte sich die Stahlfeder erst einhundert Jahre später durch", als nämlich die Lehrer erkannten, dass die nicht ständig nachgespitzt werden mussten.
So eigenwillig der Dichterfürst bei der Wahl seines Schreibmittels war, so eigensinnig war er auch bei der Schrift. Schon in ihr habe sich "sein Freiheitswille ausgedrückt", stellt die Schriftexpertin fest. Schiller hatte "eine sehr schöne, aber auch eine sehr individuelle Handschrift". Seine Originaltexte erschließen sich dem Leser also nicht auf den ersten Blick.
Eine genormte Schrift habe sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt. Die zu vereinfachen war die Aufgabe von Ludwig Sütterlin, der dazu 1911 von Kaiser Wilhelm II. den Auftrag bekommen hatte. Diese Schrift hatte sich aus einer Mischung aus römischen Großbuchstaben und karolingischen Minuskeln entwickelt. Kein Geringerer als Karl der Große hatte nämlich den Auftrag gegeben, "die zu seiner Zeit gebräuchlichen Großbuchstaben durch kleine zu ergänzen", weiß Claudia Bärbel Kirsamer, die sich schon als Kind für die Kunst des schönen Schreibens begeistert hatte und die heute unter anderem an der Hochschule für Gestaltung in Mannheim lehrt.
Dass ihre Studenten keine individuellen Handschriften mehr haben, liege daran, dass Kinder heute das Schreiben mit Druckbuchstaben und nicht in Schreibschrift erlernen. So, wie Anika und Carmen. Die Sechsjährige freut sich auf ihren ersten Schultag nach den Ferien. Ihre achtjährige Schwester kann schon gut schreiben und gemeinsam schrieben und malten sie für ihre Eltern, wie zu Schillers Zeiten, nämlich mit dem Gänse- oder Fasanenkiel. Das erforderte freilich Geduld. Salz musste zunächst auf das Bild gestreut werden, damit es schnell trocknet. Erst dann konnten sie ihre kleinen Kunstwerke strahlend mit nach Hause nehmen.
Erscheinungsdatum: Montag 31.08.2009
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