Die Götter müssen ziemlich verrückt sein
Kultur vom Rande (2): "Fallobst vom Olymp"

Troja rüstet zum Krieg, und die Götter lachen sich tot: Bei Kultur vom Rande spielte "Theater Malaria" das Stück "Fallobst vom Olymp. Suche: Helden!"

JÜRGEN SPIESS

Reutlingen  Bomben fallen, Handgranaten zischen, verzweifelte Menschen befinden sich auf der Flucht. Drei Journalisten berichten von einem Kriegsschauplatz, der das antike Troja zeigt. Aktueller Bezug und Zeitebenen verschwimmen. Die Essenz? Krieg war damals wie heute ein dreckiges Geschäft.
 
Iris Hanousek-Mader vom österreichischen "Theater Malaria" hat einen wild durchgeschüttelten Theatercocktail mit einer Folge dekorativer Bilder kreiert. Sie hat die wenigen Mittel genutzt, durch die das Stück einen ganz eigenen Charakter erfährt: Ausgefallene Musikeinschübe, schnelle Szenenabfolgen, das Springen zwischen Videoeinspielung und Theateraufführung und vor allem ausgezeichnete Darsteller.
 
Die schaffen mit ihrem körperbetonten Spiel immer wieder Miniaturen, kleine, provokative, anrührende Bilder. Das Bühnenbild besteht ausschließlich aus drei variabel verwendbaren Säulenelementen. Mit ihnen bespielen die insgesamt 14 Darsteller Innen- wie Außenräume, ein Flüchtlingsboot, einen LKW, lassen einen griechischen Tempel oder ein römisches Justizgebäude entstehen. Dazu Trommel- und Musikeinschübe, Videoprojektionen, die größtenteils Collagen und Zeichnungen zeigen oder auf die nächste Szene hinweisen.
 
Aus vielen kleinen Nummern formen die Darsteller ein aufwendiges, gut getimtes Programm. In raschen Szenenfolgen wird die Geschichte des untergehenden Trojas erzählt. Die drei Journalisten Herodot, Tacitus und Homer entdecken bei ihren Recherchen, dass der griechische Herrscher Agamemnon einen Krieg gegen Troja plant. Darauf beschließen die Götter des Olymp, der Erde einen Besuch abzustatten, aber nicht, um den menschlichen Herrschern Einhalt zu gebieten, sondern um die Kriegsvorbereitungen zu schüren. Die weise Seherin Medea, die in düsteren Visionen den Untergang Trojas vorhersagt, verspotten und verfluchen sie, die Menschen werden zunehmend zum Spielball der Götter.
 
Am Ende treibt alles dem Untergang entgegen. Menschen flüchten aus Troja, die Götter kehren gelangweilt auf den Olymp zurück: "Die Sehnsucht der Götter nach dem Olymp wuchs so schnell wie die Champignons auf der Wiese", bringt Medea (Brigitte Koxeder) die Ignoranz der Götter auf den Punkt.
 
Wenigstens finden die beiden Liebenden Dido und Aeneas, die bei ihrer Flucht nach Italien getrennt wurden, am Ende wieder zusammen. Bei aller Düsternis der Inszenierung ist den Darstellern der offensichtliche Spaß, den sie beim Spielen haben, anzusehen. Denn die Sage dient als Anregung, die Rollencharaktere weiterzuentwickeln. So lassen die Schauspieler durch ihr präzises Spiel Bilder entstehen, die in Abgründe führen, aber auch Hoffnung aufblitzen lassen.
 
Nach 90 Minuten endet der Kampf um Troja mit ruhiger Klaviermusik. Die Götter haben sich aus dem Staub gemacht. Dido und Aeneas liegen sich erschöpft in den Armen. Verdienter und lang anhaltender Beifall für eine nicht nur gut gespielte, sondern auch gut gemachte Inszenierung.
 




Erscheinungsdatum: Montag 02.06.2008

zurück Diesen Artikel bei swp.de lesen