Letzter Schrei
Kultur vom Rande: Gäste aus Paris"Wenn das Kunst sein soll, dann ist es o.k.": Eine exquisit abgefahrene, existenzialpoetische Absurditäten-Show liefert das Théâtre du Cristal aus Paris mit der Collage "Le Dernier Cri - Der letzte Schrei". Toll!
KATHRIN KIPP
Reutlingen Hier spielen sich wirklich unglaubliche Szenen ab: "Le Dernier Cri" ist alles und nichts, gleichzeitig ein vollkommenes Kunstwerk und trashiges "Nichtereignis", intelligent und durchgeknallt. Hier trifft Kafka auf Charlie Chaplin, Magritte auf Buster Keaton, Beckett auf den Flying Circus, Existenzialismus auf Burleske und Schwachsinn auf Surrealismus auf Psychoanalyse auf Totentanz - und das alles in sehr schönen Bildern samt Live-Musik.
"Der letzte Schrei", für den sich die integrative Vollzeit-Schauspieler-Truppe mit Gästen verstärkt hat, ist eine Collage, die Ensemblechef und Regisseur Olivier Couder aus mehreren Stücken von Louis Calaferte, Don Duyns, Matei Visniec oder Patrick Dubost zu einem Reigen diskursiver Szenen zusammengebastelt hat, die es alle faustdick hinter den Ohren haben. Im philosophischen Rundumschlag werden hier so ziemlich alle Dimensionen des gesellschaftlichen und individuellen Lebens und Nichtlebens miteinander verwurstet. Textlich (Französisch mit "Untertiteln") geht es um nichts weniger als um Sein oder Nichtsein, um Liebe, Tod, Freiheit, Alltag, Kunst und Religion und vor allem um eine ganz existenzielle Unsicherheit - Themen, die in der Inszenierung sehr viel poetische, künstlerische und komische Energie entwickeln.
Couder packt das alles in einen kuriosen Kessel Buntes - ein Sammelsurium an reizvollen, clownesken, pantomimischen, choreografischen, chorischen und burlesken Ideen. Zirkusdirektor Couder erhebt dabei die Widersprüchlichkeit zur Kunst, die so lebensnah wie abgehoben daherkommt. Auf allen Sinnes-Ebenen und überall passiert etwas, das vom sehr professionellen Ensemble in tollen Einzel- und Massenszenen mit viel Feingefühl gespielt wird: Selten sieht man etwas dermaßen Inspirierendes.
Zunächst werden vor einer surrealen Haus-Kulisse Sandburgen gebaut und wieder zerstört, dazu schneiden vier Komiker auf einer Bank Grimassen, während überall Magrittes Melonenmänner durchs Bild huschen, um sich schließlich im Haus zu vervielfältigen und stumm das Geschehen zu kommentieren. Es werden Hüte zertrampelt, Häuser bezogen, Konsumgüter angeschafft. Dann wird zwischen lauter Regenschirmen eine Frau von lauter Selbstzweifeln geplagt: Peng. Tot. Derweil sind zwei Jungs ausgebrochen, halten aber, aufgeschreckt von einem unhörbaren Schrei, auf halber Strecke an, um zurückzukehren und wieder in ihr Loch zu kriechen. Andere wiederum betonen ständig: "Ich bin frei, ich kann überall hingehen." Wieder andere haben das Glück gepachtet - eine "fragile" Projektion. Dann plötzlich der Szenenwechsel: Das Stück unternimmt eine surreale Reise ins mondän-dekadent-barock-rote Innere. Hier, im Grenzbereich zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, tummelt sich eine illustre Gesellschaft, um das mysteriöse "Fest des toten Kindes" zu feiern. Bis es soweit ist, gefällt man sich in Smalltalk und Phrasendrescherei zu Kunst, Aktien, Rebellion. Skurrile Typen tauchen auf und erklären sich. Ein Selbstmörder, der sich nicht umbringen will: "Das Leben hat keinen Sinn. Das Nichtleben aber auch nicht." Eine überglückliche Krankenschwester, die bei geistig Behinderten arbeitet, sagt: "Ich freue mich, wenn ich einen Knet-Aschenbecher geschenkt bekomme!" Ein Gummimann als Vertreter der "Generation Koma". Ein Erweckter, der seine religiöse Energie versprüht. Per Drehbühne werden Szenen einer Ehe zugespielt: "Was denkst du?" - "Nichts". "Das gibt doch alles keinen Sinn!", sagen sich da die Akteure, als auch schon das "tote Kind" in einem Sitzsarg hereingefahren wird, um kurz zum Leben zu erwachen und gefeiert zu werden, bevor - bumm - alle tot umfallen - ein Rätsel.
Erscheinungsdatum: Mittwoch 04.06.2008
Diesen Artikel bei swp.de lesen