Geschichte schafft Gemeinsamkeit
Integratives Festival: Zehn Gruppen machen "Theater kreuz und quer" durch die Innenstadt

Stadtgeschichte live und mitten in der City. Zehn integrative Theatergruppen stellten beim Festival historische Reutlinger Szenen nach. So machen die Heimattage richtig Spaß. Und kommen auch beim Volk an.

KATHRIN KIPP

Reutlingen  Egal, wohin man sich am Samstag wandte - überall in der Stadt wurde Theater gespielt: Stadtgeschichte, wie sie HAP Grieshaber mit seinem "Sturmbock"-Bilderbogen dargestellt hat, wurde in einer beeindruckenden Großaktion beim "Integrativen Theaterfestival" mit viel Kreativität, Originalität und Charme nachgespielt.
 
Der phantasievolle Szenenreigen des Wandeltheaters ging zurück bis zu den Anfängen, als die Ur-Reutlinger noch im Wald herum krochen, den sie erst einmal roden - "reuten" - mussten. Das Figurentheater Ravensburg hat es dafür sich im Dschungel vor dem Rathaus gemütlich eingerichtet, wo die Darsteller in Sackleinen gehüllt aus dem Unterholz klettern, sich schwunghaft vermehren und deshalb viel Platz brauchen: Bäume weg, Beton hin! Auf der hübschen Rathaus-Piazza schlagen sie ihr Lager auf und nennen es "Reutlingen".
 
1247 blüht dann das städtische Leben, und wie heute noch brummt der Markt. Vor der gotischen Kulisse der Marienkirche bieten die Freiburger "Schattenspringer" ein buntes Spektakel mit Musik, Witz und Gauklerei in prächtigen Gewändern: Hier tummeln sich reiche Bürger, Artisten, Bettler, Handwerker und Marktleute, die Obst und kleine Schäfchen verkaufen. Prompt rückt der Feind an und will was davon abhaben: Die Staufer stehen vor den Toren. Und wer ist schuld an der Misere? Die Ratsherrin, denn sie ist eine "Verräterin" und "Hexe" und wird deshalb vom aufgebrachten Volk an den Pranger gestellt. Jetzt hilft nur noch beten. Und ein Gelübde: Wenn alles zu Reutlingens Gunsten verläuft, will man zu Ehren der Jungfrau Maria ein Gotteshaus errichten. Und voilá: Der Feind ist weg, die Kirche kann gebaut, die Ratsherrin "begnadigt" werden.
 
Am Marktplatz wiederum zeigen die Konstanzer "Blauspatzen", wie sich die tapferen Reutlinger vor den Belagerern im Metallgestell verstecken und mit welcher Strategie der mit Speeren bewaffnete Feind wieder in die Flucht geschlagen wurde - nämlich mit HipHop und waghalsigen Breakdance-Einlagen. Reutlingen war in punkto Kriegslist offensichtlich schon immer up to date. 1374 wird dann der Stadtschwur eingeführt, der im Schwörhof von der Theaterwerkstatt Heggbach in prunkvollen Kostümen sehr goldig in Szene gesetzt wird: Der Rat muss nicht nur schwören, sondern auch eine Urkunde unterschreiben - auch diejenigen, die gar nicht schreiben können: "Drei Kreuze tuns auch." 1524 wird dann der Rat auf den Reformator Alber eingeschworen.
 
Im Garten des Heimatmuseum wütet 1482 die Pest, was von der Lebenshilfe Bamberg mit ausdrucksstarkem Maskentheater ins Bild gesetzt wird: Das völlig verängstigte Volk sitzt am Feuer, der Tod verbreitet mit seiner Trommel düstere Stimmung und verjagt die Menschen und Tiere aus der Stadt.
 
Selbst der Esel muss wieder abziehen. Armut macht sich breit, auf den Masken bilden sich Beulen, der Tod kommt massenhaft. 1525 hat sich die ökonomische Situation nicht unbedingt verbessert: vor allem die Bauern leiden unter der Willkür der Fürsten, müssen Frondienst leisten und haben trotzdem "nichts zu fressen": Im Spitalhof hortet sich die Tonne-Baff-Theatergruppe zu "Geyers schwarzem Haufen" zusammen. Sie klagen über die Zustände, rufen zur Revolte auf. Vergebens - "die Enkel fechtens besser aus".
 
1726 dann vier Tage lang Rauch, Feuer, Geschrei, Plünderung, Tod und Verderben beim Stadtbrand: Die "Knallerbsen" aus Aalen holen an der Nikolaikirche das Löschwasser direkt aus dem Brunnen.
 
Und sie zeigen wie alle anderen Theatergruppen, in welch gemütlicher Stadtepoche wir doch mittlerweile leben (auf wessen Kosten auch immer): ohne Krieg, Belagerung, Hunger und Pest, dafür mit einem anständigen Ratsgremium, schönen Einkaufsläden, einer effektiven Feuerwehr und nicht zu vergessen: mit unterhaltsamen und identitätsstiftenden Heimattagen!
 




Erscheinungsdatum: Montag 22.06.2009

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