Merengue auf dem Marktplatz
Vom Albtorplatz bis zum Tübinger Tor: Tausende tanzen durch die dritte lange Einkaufsnacht

"Das war doch erst der Soundcheck", lachen die Herren von "Café con Leche". Die Massen auf dem Marktplatz haben sich dennoch längst in Bewegung gesetzt: "Dancing in the City" erweist sich als ansteckend.

CORDULA EVE WALLEIT

Reutlingen  Eigentlich wollten die Veranstalter, StaRT, RT-Aktiv und die Organisatoren des "Kultur vom Rande"-Festivals mit ihrem bewegten Programm für die dritte lange Einkaufsnacht ja südländisches Flair in die Innenstadt zaubern: Dass sich das Wetter am Samstagabend dann doch von seiner ganz und gar unmediterranen Seite zeigt, hält die wenigsten vom Shopping unter wolkenverhangenen Sternen ab. "Warm wirds einem beim Tanzen doch von selbst", winken die Reutlingerinnen Carina und Manuela ab, die als eine der ersten von den Bierbänken aufspringen, als "Café con Leche" ihre feurigen Rhythmen anstimmen: Merengue auf dem Marktplatz - für hunderte motivierte Mitteleuropäer kein Problem. Und motiviert sind sie allemal. Denn bevor "Café con Leche" das Herz der Innenstadt erobert haben, ist hier das Abschluss-Spektakel des diesjährigen "Kultur vom Rande"-Festivals über die Bühne gegangen. Rund 100 Tänzer mit und ohne Behinderungen haben zu den Klängen von Boleros "Ravel" gezeigt, was sie im Laufe des Tages in Workshops von "Treppen-Steppen" bis "Flamenco" gelernt haben.
 
Die "Dancing Shoes" dagegen, so sehen das zumindest hunderte Zuschauer, die sich fasziniert um die Bühne am Albtorplatz scharen, müssen nicht mehr viel lernen. Scheinbar mühelos fliegen die Cheerleaderinnen durch die feuchtkalte Nachtluft, um gleich nach der Landung mit perfekt sitzenden Schrittfolgen zu beeindrucken. Vor allem die Eltern kleiner Mädchen haben ganz schlechte Karten, wenns darum geht, den Albtorplatz wieder zu verlassen, so lange die Pompons der "Dancing Shoes" noch auf der Bühne glitzern.
 
Aber auch die Showgruppe der Tanzschule Elbi sorgt auf der Albtorplatzbühne für Furore: Die Bauchtänzerinnen sorgen mit ihrem schwungvollen Programm schon mal dafür, dass der eine oder andere Autofahrer länger als unbedingt erforderlich an der benachbarten Ampel verweilt. Überhaupt hat sich der Albtorplatz bei den Veranstaltungen der jüngsten Zeit zunehmend als feste Anlaufstelle fürs Publikum gemausert - schade nur, dass Durstige hier ausgerechnet in der Nacht mit dem bewegungsintensiven Motto "Dancing in the City" vergeblich nach einem Getränkestand suchen müssen. Umso mehr haben sich die Gastronomen am Tübinger Tor ins Zeug gelegt. Die Bühne ist hier malerisch in den Torbogen dekoriert, die Band "Mind the Gap" animiert ihre alten und neuen Fans mit rockigen Rhythmen, ein Tänzchen in Ehren zu wagen. Mindestens genauso bewegt gehts auf der anderen Seite des Tübinger Tors zur Sache: "Mehr Tanzen geht nicht" heißt hier die Überschrift, unter der sich die abenteuerlustigeren unter den Passanten auf ein Rendezvous mit der "Dancing Machine" einlassen. Im 21. Jahrhundert das Tanzbein schwingen, das geht eben auch mit der Anleitung des Computers, der unmissverständlich vorgibt, zu welchem Zeitpunkt welcher Fuß welchen Pfeil auf der Matte am Boden zu berühren hat. Die Schweißtropfen, die das Gesicht des menschlichen Tanzpartners benetzen, sind dennoch ganz real.
 
Zur Zeitreise in die 50er Jahre gerät dagegen der Abstecher auf den Weibermarkt: "RocknRoll" heißt die Devise, die die Metzgerstraßen-Initiative für die dritte lange Einkaufsnacht ausgegeben hat. Und weil Motorroller genauso in diese Epoche gehören wie Petticoats, haben die Händler der Einkaufsmeile zur Vespa-Prämierung gebeten: Immerhin 37 stolze Besitzer eines solchen fahrbaren Untersatzes haben den Weg in die Metzgerstraße gefunden, welcher Roller letztlich die Herzen der Besucher im Sturm erobert hat, wird im Laufe der kommenden Woche ermittelt - bis zum Montag, 16. Juli, können die Stimmzettel noch abgegeben werden.
 




Erscheinungsdatum: Montag 09.06.2008

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