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Den Zeigefinger gegenüber der Türkei unten lassen
Der Bad Uracher und Grünen-Politiker Cem Özdemir hat ein Buch über die Heimat seiner Eltern geschrieben

Sein Buch für deutsche Jugendliche, das über die Türkei informiert, stellte der Grünen-Politiker Cem Özdemir jetzt bei Osiander vor. Als Schwabe aus Bad Urach musste er die Türkei ja auch erst kennen lernen.

JÜRGEN HERDIN

Reutlingen  "In der Türkei bestimmen die Parteivorsitzenden ihre Kandidaten für das Parlament", weiß Cem Özdemir (43). Und weil das in Deutschland nicht so ist, erlitt der aus Bad Urach stammende Grünen-Politiker unlängst eine schwere Schlappe. Als Europa-Abgeordneter hatte der "Schwaben-Türke" Cem Özdemir offenbar nicht so die Nähe zur Basis, wie andere. Bei der Nominierung für aussichtsreiche Listenplätze zur Bundestagswahl 2009 fiel er durch. Grünen-Bundesvorsitzender indes möchte er immer noch werden, noch hat er Zeit, für sich zu werben.
 
Für sein neues Buch warb er am Montagabend auch in der Buchhandlung Osiander - und er warb dafür, die Türkei, deren Menschen und deren Politik und Kultur zu verstehen. Nicht zu vergessen die Religion des Islam. Davon handelt sein Werk "Die Türkei - Politik, Religion, Kultur", das übrigens in einem Jugendbuchverlag erschienen ist und das er gerade noch rechtzeitig zur Buchmesse fertig stellen konnte.
 
Denn dort war die Türkei ein gern gesehener Gast, während in der Europapolitik die Betonung weiter auf "Gast" liegt - nicht mehr und nicht weniger. Noch wird über eine mögliche Voll-Mitgliedschaft des weitgehend islamisch geprägten 50-Millionen-Staats zwischen Griechenland und dem Irak nur mit großen Vorbehalten verhandelt. Kurz: Cem Özdemir findet das falsch. Die Türkei soll nicht in den europäischen Staatenverbund passen? Özdemir macht dafür Vorbehalte gegenüber dem Islam hauptverantwortlich. Denn EU-freundlich sei das Land am Bosporus sehr wohl.
 
Ganz anders als der tschechische Regierungschef, so Özdemir, "der ein ausgewiesener Gegner der EU ist, aber demnächst die EU-Ratspräsidentschaft übertragen bekommt". Im Gespräch mit dem Südwestrundfunk-Redakteur Wolfgang Niess ließ Cem Özdemir die Besucher in der Buchhandlung darüber nicht im Unklaren. "Alles was man so über die Türkei sagt, stimmt ja, aber das Gegenteil stimmt auch!"
 
Özdemir schmunzelt und begründet damit, weshalb er es als notwendig erachtete, ein Buch zu schreiben, das Verständnis wecken soll, idealiter viele Wissenslücken beseitigt.
 
"Auf mühsame Weise" habe er selbst erst "die Codes" der türkischen Gesellschaft kennen lernen müssen. Denn er ist dort ja nie heimisch gewesen. Özdemir plädierte dafür, sich der Türkei, bei allen Vorbehalten und Missverständnissen "nicht mit dem erhobenen Zeigefinger" zu nähern.
 
Deutsche seien in der Türkei, trotz der rassistischen Ausschreitungen von Mölln und Solingen in den 90er Jahren sehr beliebt, weiß Özdemir. Nicht nur die deutschen Sekundärtugenden seien anerkannt, vor allem auch die Produkte "Made in Germany". Das führte so weit, dass das türkische Wort für Schnellfeuergewehr "Mauser" heißt.
 
Belustigt hat das Publikum in Reutlingen vor allem Özdemirs türkische Vornamenskunde. Sehr praktisch gehe man dort bisweilen mit der Wahl der Namen vor. Linke nennen ihre Töchter gerne "Devrim", was Revolution bedeutet. Und das letztgeborene Kind heißt oft einfach nur "Yeter" - zu deutsch: "Es reicht, jetzt ists genug."
 
Özdemir hat ein spannendes Werk verfasst, das leichtfüßig, aber nicht ohne Tiefgang daherkommt und vor allem nicht trocken belehrt, heißt es in manchen Rezensionen. Vor allem aber liefert er pointenreiche und humorvolle Einschübe, die auch junge Leute verstehen - denn für die hat er das Buch schließlich geschrieben.
 




Erscheinungsdatum: Mittwoch 12.11.2008

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