Der Mensch und die Schönheit des Alters
Für die Ausstellung "Jahrhundertmensch" hat Karsten Thormaehlen Hundertjährige porträtiert. Die Fotoreihe unter dem Titel "Jahrhundertmensch" ist im
Rathaus zu sehen.
ANDREA EISENMANN
Stuttgart Es ist ein bewegtes Leben, aus dem Kurt Ziesemann erzählen könnte. Seine Geschichte würde davon handeln, wie er im Weltkrieg Lazarette mit aufbaute, wie er mit über 55 Jahren beschloss, zu heiraten und er in den Folgejahren neun Kinder zeugte. Wahrscheinlich würde der frühere Melker seinen Zuhörern auch berichten, wie er an seinem 104. Geburtstag Johannes Heesters treffen durfte, der am selben Tag wie er geboren wurde. Im Stuttgarter Rathaus müssen sich die Besucher allerdings mit einem Foto des 105-Jährigen begnügen. Auf dem Portrait, das ihn im Profil zeigt, presst Ziesemann die dünnen Lippen zusammen, seine Augen verschwinden hinter den trüben Gläsern der Hornbrille.
Alte Menschen verfügen über eine besondere Schönheit, sagt Karsten Thormaehlen. "Ihr Gesicht lügt nicht. Das, was sie erlebt haben, spiegelt sich in diesem wieder." Neben Ziesemann hat der Fotokünstler 25 weitere über Hundertjährige aus dem Raum Berlin für seine Ausstellung "Jahrhundertmensch" porträtiert. Eine Zeitungsmeldung brachte den Frankfurter vor drei Jahren auf die Idee zu den Aufnahmen. In wenigen Zeilen wurde damals einem hundertjährigen Jubilar zum Geburtstag gratuliert. Der 43-Jährige begann zu recherchieren und war verblüfft. "Mehr als 10 000 Hundertjährige leben heute in Deutschland. Vor 30 Jahren waren es lediglich mehrere hundert." Diese "Jahrhundertmenschen" gingen während des Ersten Weltkriegs zur Schule, in der Weimarer Republik waren sie Teenager, im zweiten Weltkrieg teilweise junge Eltern. Sie erlebten den Wiederaufbau, die Teilung und die Wiedervereinigung Deutschlands mit. "Ein spannendes Thema. Und dennoch gab es hierzulande so gut wie keine Arbeiten, die das Thema aufgriffen." Als das Hotel Adlon sein 100-jähriges Bestehen feierte, lud es alle Hundertjährigen Berlins dazu ein. Auch Thormaehlen erschien und knüpfte eifrig Kontakte. Nach und nach besuchte er die Senioren in Heimen oder in den eigenen vier Wänden. Der Kleiderschrank wurde nach einer weißen Bluse oder einem Hemd durchstöbert, die Gesichter so geschminkt, dass sie natürlich wirkten. Manche waren aufgeregt, andere den Rummel um sie bereits gewöhnt. Zusammen mit der Spiegel-Redakteurin Barbara Hardinghaus entwickelte der Fotograf in den folgenden Wochen die Ausstellung. Die zuversichtlichen, mitunter ernst dreinblickenden Gesichter erschienen auf fast zwei Meter hohen Plakaten, die um kurze Zitate ergänzt wurden. Eines, so hat der Künstler festgestellt, vereint sie alle: Der Wille, auch im hohen Alter dem Leben noch einen Sinn zu geben.
Die Ausstellung könnte die Sichtweise aller Generationen auf das Alter verändern, zeigte sich Claudia Hübner, Staatsrätin für demographischen Wandel und für Senioren, gestern bei der Eröffnung der Fotoreihe überzeugt. "Hochaltrigkeit ist in unserer Gesellschaft des langen Lebens keine Ausnahmeerscheinung mehr."
Info
Die Ausstellung "Jahrhundertmensch" ist bis zum 24. Juli im Stuttgarter Rathaus werktags von 8 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Erscheinungsdatum: Dienstag 07.07.2009
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