SOZIALES / Renate Hartwigs Patienten-Initiative wirbelt reichlich Staub aufMinisterin reagiert auf Vorwürfe aus Straß
Renate Hartwig eckt an. Das tat sie einst mit ihrer Scientology-Aufklärungskampagne, das tut sie jetzt im Kampf um Patientenrechte. Auf ihre Initiative "Patient informiert sich" erntete sie nicht nur positive Rückmeldungen Betroffener, sondern auch ein Dementi vom Ministerium.
CLAUDIA REICHERTER MIRANDA TIEPERMANN
STRASS Der Hausarzt Max X. setzt sich nachts um halb zwölf an den Computer und tippt. "Ein Beispiel um die Budgetierung zu verstehen . . .": Ein Familienhaus brennt. Menschen befinden sich im Gebäude. Die Feuerwehr löscht. Da der Staat per Budgetierung eine bestimmte Wassermenge vorschreibt, müsste der verantwortliche Feuerwehrkommandant die Löschaktion beenden, wenn diese aufgebraucht ist. Er kann aber nicht zusehen, wie Menschen verbrennen. So löscht er weiter bis das Feuer besiegt ist. Danach bekommt er eine dicke Rechnung und bezahlt das zusätzlich benötigte Wasser aus der eigenen Tasche. "So ähnlich läuft es bei uns Ärzten", schildert Max X..
Nachzulesen ist dieser Vergleich auf der Homepage der Initiative "Patient informiert sich", die Renate Hartwig im März ins Leben gerufen hat. Mehrmals täglich gehen dort Fragen und Klagen von Kranken, Ärzten, Apothekern ein, die wie die Straßer Autorin, Publizistin und Gesellschaftkritikerin der aktuellen Gesundheitsreform kritisch gegenüberstehen. Inzwischen gehen die Gästebuch-Einträge in die Hunderte. Von "Mein Arzt darf mir nicht mehr mein bewährtes Medikament verschreiben" bis hin zu "Früher haben arbeitslose Menschen nicht überlegen müssen, ob sie sich im Monat noch einen Arztbesuch leisten können". Nicht nur im Internet, auch persönlich steht sie den Menschen Rede und Antwort: "In den vergangenen zwei Wochen standen 27 Betroffene vor der Tür und haben mir ihr Problem geschildert."
Ausschlaggebend für Hartwigs selbstfinanzierte Initiative war ein Arztbesuch, bei dem sie auf dem Bildschirm des Mediziners den Hinweis aufblinken sah, "Die veranschlagte Behandlungszeit für diesen Patienten ist abgelaufen!" Seitdem forscht und recherchiert sie, und entdeckt dabei immer mehr, womit sie nicht einverstanden ist: seien es Kassenbeiträge oder Datenmissbrauch durch die sogenannte Gesundheitskarte. Zum Teil war sie von den eigenen Entdeckungen überrascht. "Ich hätte nie gedacht, dass ich bei meinem kritischen Blick hinter die Kulissen der Gesundheitsreform - wie damals bei Scientology - auf menschenverachtende Strukturen stoße."
Durch die jahrelange Auseinandersetzung mit Sekten ist die 55-Jährige kampferprobt. Jetzt macht sie sich für die Opfer der Gesundheitsreform stark: Das sind aus ihrer Sicht Ältere, chronisch Kranke - und Hausärzte, deren Berufsstand sie in Gefahr wähnt. Eine "gesellschaftliche Änderung ungeahnten Ausmaßes" stehe bevor, bei der so gut wie keiner wisse, was auf ihn zukomme. "Wir müssen verhindern, dass amerikanische Verhältnisse in unserem Gesundheitssystem Einzug halten, bei denen Hausärzte durch anonyme, kilometerweit entfernte medizinische Versorgungszentren ersetzt werden." Das habe mit Solidargemeinschaft nichts mehr zu tun. Der Gesundheitsmarkt sei "der einzig sicher wachsende Markt der Zukunft, bei dem es im Moment immerhin um 240 Milliarden Euro jährlich geht".
Damit der Mensch dabei nicht zu kurz kommt, lässt sie Plakate drucken mit der provozierenden These "Wir gehen zu oft zum Arzt". Weil dieser Satz von Christa Stewens stammen soll, schrieb sie der bayerischen Gesundheitsministerin einen Offenen Brief, den sie mit den Postern an Ärzte und Apotheken in Bayern verschickte. Vergangene Woche flatterten zudem 40 000 Exemplare in baden-württembergische Praxen und Apotheken. 17 Unterstützergruppen gebe es schon bundesweit.
Erster Erfolg für die Initiatorin: Stewens Ministerium gab auf ihren Brief hin eine Stellungnahme ab. Es weist alle Vorwürfe zurück. Samt Kommentaren ist dies auf der Homepage nachzulesen. Der bayerische Hausärzteverband unterstützt die Aktion, die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und der Apothekerverband hingegen warnen ihre Mitglieder davor, die Plakate aufzuhängen. "Sie hätten mir keinen größeren Gefallen tun können", sagt die 55-Jährige. Denn daraufhin wurden bei ihr 2500 weitere Plakate angefordert. Renate Hartwig steht derweil weiter für Interviews, Vorträge und Podiumsdiskussionen zur Verfügung: in München, Hamburg, Berlin, Stuttgart. Anfragen kommen bis aus Österreich und der Schweiz.
ONLINE-INFO http://www.patient-informiert-sich
Erscheinungsdatum: Samstag 17.11.2007
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