Strahlende Gesichter im Atomkraftwerk
Nach gutem Jahr steht Großkontrolle an

Nur zwei Mal seit 1984 hat das Atomkraftwerk Gundremmingen mehr Strom produziert als im vergangenen Jahr. Das teilte der technische Geschäftsführer jetzt mit. Diesen Sommer wird Block B gründlich überholt.

NIKO DIRNER

Kernkraftwerke mag nicht jeder, aber gegen Zugfahren kann wirklich keiner was sagen. Das mag sich Dr. Helmut Bläsig, technischer Geschäftsführer des Atomreaktors Gundremmingen, gedacht haben, als er gestern beim Jahresgespräch die umstrittene Leistungserhöhung um 4,2 Prozent so anpries: "Sie könnte den Strombedarf von 18 ICE decken oder genau so viel elektrische Leistung bereitstellen wie 104 Biogasanlagen." Zahlen die belegen, welche Kraft in den beiden 1344-Megawatt-Blöcken steckt, die im vergangenen Jahr das drittbeste Gesamtergebnis in der Geschichte des Standorts schafften. Die Anlage ging 1984 ans Netz.
 
Rund 21,4 Milliarden Kilowattstunden Strom hat das Atomkraftwerk (AKW) 2007 produziert, das ist gut ein Viertel des bayerischen Bedarfs. Durchschnittlich 91 Prozent der Zeit oder rund 8000 Stunden standen die Blöcke zur Verfügung, sonst waren sie vor allem für Kontrollen (Revisionen) oder Brennelementewechsel heruntergefahren. Zudem erzwangen mehrerer Defekte Stillstände. So funktionierte beispielsweise im Januar der Generator im Block C nicht richtig. Insgesamt neun solche "Ereignisse" mussten der Aufsichtsbehörde gemeldet werden - alle wurden als sicherheitstechnisch bedeutungslos bewertet. Die Abgabe radioaktiver Stoffe habe dabei stets unter den Grenzwerten gelegen, sagte Bläsig. Die hohe Verfügbarkeit sei auch im internationalen Vergleich Spitze. Um den Stand zu halten, gäben die beiden Betreiber RWE und EON jährlich zweistellige Millionenbeträge aus. Das meiste davon gehe an Unternehmen in der Region.
 
200 Millionen Euro stehen dieses Jahr zu Verfügung, davon gehen 25 Millionen in die bisher größte Revision von Block B: Im Sommer sollen unter anderem die Turbine geöffnet und der Reaktordruckbehälter überprüft werden. Ab kommender Woche sollen vier Atommüll-Behälter (Castoren) mit 208 verbrauchten Brennelementen ins Standort-Zwischenlager gebracht werden. 13 stehen dort bereits. Für Block C ist eine Kurzkontrolle geplant. Sechs Castoren sollen mit 312 verbrauchten Brennelementen beladen werden. Das heißt, in beiden Meilern werden Brennelemente ausgewechselt. Parallel gehe der Umbau des Maschinenhauses des stillgelegten Blocks A zu einem Technologiezentrum gut voran, berichtete Bläsig.
 
Mit dem Technik-Chef strahlte der neue kaufmännische Geschäftsführer, Christoph Quick, um die Wette: Mehr als 780 Mitarbeiter habe das Kraftwerk derzeit, 32 Beschäftigte mehr als 2007. Hinzu kämen 360 Dauerbeschäftigte von Fremdfirmen. Dieses Jahr sollen 37 neue Mitarbeiter sowie 41 Auszubildende eingestellt und bis zu sechs Trainéestellen besetzt werden.
 
Bläsig ging auch auf die Angst vor Atomkraftwerken ein, die durch eine Studie des Deutschen Krebsregisters jüngst neue Nahrung erhalten hat. Demnach haben Kleinkinder ein umso höheres Krebsrisiko, je näher sie an einem Meiler wohnen. Anstoß zu dieser Studie hatten Erkrankungen rund um das AKW Gundremmingen gegeben. Bläsig sagte, die beteiligten Wissenschaftler seien sich einig, "dass die durch Kernkraftwerke verursachte Strahlung als Ursache für die Erkrankungen ausscheidet". Dennoch wollten die Betreiber einen Beitrag zur Klärung der Ursachen leisten und hätten deshalb dem Kinderkrebsregister ihre Hilfe angeboten. Bislang sei aber noch nichts spruchreif. Bläsig betonte erneut, dass das Kraftwerk "strahlentechnisch kontinuierlich rund um die Uhr streng überwacht" werden und die Grenzwerte jederzeit unterschritten würden.
 
Die beschlossene Abschaltung aller Atomkraftwerke in der Bundesrepublik - in Gundremmingen wäre es 2015/16 soweit - sei jedenfalls die falsche Reaktion. Bläsig: "Wir sehen keine Alternative zur Grundlastversorgung." Dieser Strom, der ständig benötigt wird, komme zu 50 Prozent aus den Reaktoren. "Sie können natürlich das Licht ausmachen, wenn kein Wind weht", lästerte Bläsig mit Blick auf die erneuerbaren Energien. Technisch gesehen könne die Anlage in Gundremmingen noch 40 Jahre betrieben werden.
 




Erscheinungsdatum: Freitag 15.02.2008

zurück Diesen Artikel bei swp.de lesen