LEITARTIKEL · HANDWERKSKAMMER: Bemerkenswert instinktlos
Während der Amtszeit von Horst Schurr, der 2009 zehn Jahre an der Spitze der Handwerkskammer Ulm stehen wird, hat das "Rathaus des Handwerks" in der Region einen dramatischen Bedeutungsverlust erlitten. Langjährige Handwerksmeister in Ulm und im Alb-Donau-Kreis erinnern sich einigermaßen wehmütig an Vorgänger Josef Götz-Kottmann und seinen Hauptgeschäftsführer Erich Dittus, unter denen die Kammer an der Olgastraße noch ein wichtiger Faktor des öffentlichen Lebens in der Stadt war. Seit dieser Zeit jedoch ist die Handwerkskammer - immerhin die größte in Baden-Württemberg - nur noch ein Schatten ihrer selbst und in ihren Aktivitäten kaum wahrnehmbar.
Das gilt natürlich nicht für den im Dezember eröffneten 8,5 Millionen Euro teuren Neubau, der die Kräfte der Kammer zugegebenermaßen über Jahre hinweg gebunden hat. Das im Vorfeld umstrittene, aber zumindest moderne und ressourcen-schonende Gebäude wäre dazu geeignet gewesen, neue Sympathien für die Kammer zu wecken. Es konnte jedoch erst auf den Weg gebracht werden, nachdem die Verantwortlichen in einer Nacht- und Nebelaktion die Kunstwerke am Altbau fein säuberlich herausschlagen ließen und die auf den Plan gerufenen Denkmalschützer düpierten.
Nun sind zwei neue Peinlichkeiten bekannt geworden. Die Kammer braucht eine Änderung der satzungsmäßig festgelegten Altersgrenze von 65 Jahren, um ihrem Präsidenten eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Und: Schurr hat sich erneut ein Fahrzeug der S-Klasse im Wert von mindestens 71 000 Euro besorgt, dessen Leasingraten von den Mitgliedsbeiträgen all der kleinen Handwerksbetriebe zwischen Ostalb und Bodensee mitfinanziert werden.
Was die Satzungsänderung anbelangt, bietet sich ein Blick auf die andere Straßenseite zur Industrie- und Handelskammer Ulm an. Dort beträgt die Amtszeit des Präsidenten maximal zwei Perioden à fünf Jahre. Eine Lockerung dieser Regel kam nicht einmal in Frage, als ein international agierender Unternehmer wie Siegfried Weishaupt 2003 seine zehnjährige Amtszeit als Präsident beendete. Die IHK hat auch das deutlich bessere Gespür für Dienstwagen: Dort tut es die E-Klasse, obwohl diese Kammer bestimmt die zahlungskräftigere Klientel hat.
Die erneute Beschaffung einer Luxuslimousine bei der Handwerkskammer wirft ein bezeichnendes Licht auf die Instinktlosigkeit des Ehrenamts in diesem Hause. Der Vorgang wurde offenbar von einem Großteil des neunköpfigen Vorstands abgesegnet - wenigstens nicht einstimmig.
Dazu darf angemerkt werden, dass sogar Industriekapitäne mit namhaften Firmen und selbst erwirtschafteten Gewinnen auf gut ausgestattete Dienstwagen der Mercedes-Mittelklasse oder vergleichbare Fahrzeuge von Audi oder BMW zurückgreifen, um ihre Belegschaften nicht zu brüskieren. Die Handwerkskammer Ulm schert sich nicht um irgendwelche Befindlichkeiten - eigentlich ein Fall für die Aufsicht des Wirtschaftsministeriums in Stuttgart.
Bei allem Unwohlsein hinsichtlich der neuesten Nachrichten aus der Kammer sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass es sich sowohl bei der geplanten Aufhebung der Altersgrenze als auch der sportlichen Fahrt im Turbodiesel um demokratisch legitimierte, legale Manöver handelt. Der Ball liegt bei der Vollversammlung: Wenn sie die Aufsicht weiter so lax ausübt, bleibt die Kammer in der Versenkung. FRANK KÖNIG
Erscheinungsdatum: Samstag 08.03.2008
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