SIE UND WIR: Der Zahnraub von Neu-Ulm
Liebe Leserinnen und Leser,
Manche Geschichte birgt so viel Potenzial, dass man locker zwei draus machen könnte.
Variante eins, die einem wie Oskar Lafontaine gefallen würde, geht so: Alleinerziehende Mutter, die ohnehin nichts zu beißen hat, kann die Zahnarztrechnung für zwei Brücken nicht bezahlen. Ihr Zahnarzt sucht sie überfallartig daheim auf und reißt ihr die Prothesen aus dem Mund. Klassenkampf à la Spätkapitalismus, Reich geht Arm an den Kragen (sprich: ans Gebiss).
Variante zwei, die einem wie Guido Westerwelle gefallen würde, geht so: Notorische Sozialschmarotzerin mit Vollkasko-Hängematten-Mentalität treibt ehrlichen Zahn-Handwerker an den Rand des Ruins. Er mutiert zum Robin Hood und stellt Recht und Ordnung wieder her, indem er von der Frau die Herausgabe der Prothesen verlangt. Letztere Variante gefällt übrigens auch hiesigen Zahnärzten gut, wie wir im Rahmen unserer Recherchen zu hören bekamen. "Bravo, endlich mal einer, der sich was traut", lautete der Tenor; jeder konnte gleich von mehreren Patienten berichten, die nach erfolgreicher Gebisssanierung abgetaucht sind.
Abgetaucht (im Sinne von nicht gesprächsbereit) sind leider auch die beiden Protagonisten des Vorfalls vom vergangenen Montag, die Faktenlage bleibt deshalb einstweilen dürftig. Zweifelsfrei fest, weil durch Zeugen belegt, steht immerhin, dass ein Neu-Ulmer Zahnarzt seine ihm 400 Euro schuldende Patientin gegen 21.45 Uhr daheim in Ludwigsfeld besuchte und die Frau tags drauf wenig Zähne im Mund hatte. Fest steht auch, dass hinter einer solchen Story - aller vordergründigen Lachhaftigkeit zum Trotz - meist persönliches Leid und Not stecken. Und dass der Vorfall viel aussagt über den Zustand unserer Gesellschaft in den Zeiten von Hartz IV, Gesundheitsreform, Preissteigerungen und der Angst der Besserverdiener, abzurutschen.
Ob am Schluss Lafontaine oder Westerwelle seine Freude hat? Vielleicht auch keiner von beiden, denn die Wahrheit ist meistens differenzierter. Sie herauszufinden, wird Sache der Gerichte sein. Und auch wir werden uns weiter festbeißen.
Erscheinungsdatum: Samstag 27.09.2008
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