Thema der Region
25 Jahre Menschenkette
35 Sonderzüge und 900 Omnibusse in Ulm - Blockade der Wiley-Kaserne1983 war das Jahr der Friedensbewegung, die in der Menschenkette von Neu-Ulm nach Stuttgart ihren Höhepunkt hatte. 300 000 Menschen waren friedlich vereint im Protest gegen das Wettrüsten.
HANS-ULI MAYER
Region So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. Nahezu 300 000 Menschen reihten sich am 22. Oktober 1983 aneinander und bildeten eine Menschenkette von 108 Kilometer Länge. Sie verbanden die US-amerikanische Wiley-Kaserne in Neu-Ulm mit einer wichtigen Stabsstelle der US-Streitkräfte in Stuttgart, um gegen das Wettrüsten und die Stationierung von Pershing-II-Atomraketen zu demonstrieren. Die Regierung Kohl befürchtete einen heißen Herbst, es wurde ein friedlicher und überaus machtvoller.
Wie machtvoll die Aktionen waren, ist nicht zuletzt an dem Umstand abzulesen, dass die Zeit der Deutschen Friedensbewegung im Bonner Haus der Geschichte anhand der Menschenkette zwischen Neu-Ulm und Stuttgart dargestellt wird. "Das war gigantisch", sagt Organisator Peter Langer heute, "ein Gesamtkunstwerk". Und Mitorganisator Günter Fröscher zitiert den Ausspruch eines kirchlichen Vertreters: "Der Himmel stand offen."
Was Fröscher so metaphorisch umschreibt, war tatsächlich etwas Einzigartiges. Etwas, was es bis dahin noch nicht gegeben hatte und was bis heute als Beispiel für vielfältige Bürgeraktionen dient. Wiewohl man sich über die politische Bedeutung und Wirkung streiten kann, Peter Langer ist sich sicher, dass die Friedensbewegung und die Menschenkette eine Entwicklung eingeleitet haben, die letztlich in der Überwindung des Kalten Krieges 1989 ihren Höhepunkt fand. Tatsächlich sind die Amerikaner längst aus Neu-Ulm abgezogen und dort, wo vor 25 Jahren noch die Atomraketen standen, konnte in diesem Jahr die Bayerische Landesgartenschau stattfinden.
So sehr die Aktion in Ulm und Neu-Ulm bis heute nachwirkt, die Idee dazu hatte ein Vertreter der DFG-VK, der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner, in der Landeshauptstadt. Der Gedanke war, einen Stationierungsort der Raketen (Neu-Ulm) mit einer Kommandozentrale (Stuttgart-Vaihingen) zu verbinden.
Beschlossen wurde die Kette dann schließlich bei einem großen Treffen der Süddeutschen Friedensbewegung 1982 im vollbesetzten Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Haus. Von da an gab es kein Halten mehr, fast ein ganzes Jahr lang haben die Vorbereitungen zu der Menschenkette gedauert - immerhin mussten 35 Sonderzüge und 900 Omnibusse gesteuert werden, die letztlich etwa 150 000 Demonstranten allein nach Ulm/Neu-Ulm brachten, von wo aus etwa die Hälfte der Strecke bis nach Eislingen verwaltet wurde.
So friedensbewegt die Akteure waren, die Kette wurde "generalstabsmäßig" vorbereitet, sagt Fröscher, dem hierbei seine Ausbildung als Zeitsoldat bei der Bundeswehr zugute kam. Fröscher und Langer waren die einzigen beiden, die etwas Geld für diese Arbeit bekamen, "wenngleich ich nie etwas von den Millionen aus Moskau gesehen habe", scherzt Fröscher. Der Rest schob sich irgendwie zusammen. Ständig kamen Leute in das eigens angemietete Büro an der Keplerstraße und boten ihre Mithilfe an. Eine Architektin zeichnete beispielsweise die Pläne für die einzelnen Streckenabschnitte, Otl Aicher gestaltete die Plakate, eine Firma stellte Toilettenhäuschen zur Verfügung und für den Hauptbahnhof wurden kräftige Gewerkschafter abgestellt, um eventuell auftretende Chaoten abdrängen zu können - "die Sache hatte eine riesige Anziehungskraft", sagt Langer.
Am schwierigsten freilich war die gleichmäßige Verteilung der Menschenmassen auf die gesamte Strecke. Die 108 Kilometer waren in verschiedene Abschnitte aufgeteilt, für die es Verantwortliche in Stuttgart und in Ulm gab. Denen wiederum wurden die aus ganz Europa angereisten Friedensgruppen zugeteilt. Für den Notfall standen zwischen Ulm und Amstetten drei Motorradclubs als eiserne Reserve parat, um eventuell auftretende Löcher zu stopfen. Es kam alles ganz anders. Die 108 Kilometer lange Strecke wurde drei- und vierfach geschlossen, darunter viele Prominente wie beispielsweise Senta Berger, die sich bei Dornstadt in die Menschenkette einreihte.
Etwa gegen 13 Uhr, glaubt sich Peter Langer heute zu erinnern, hat er von der großen Veranstaltungsbühne auf dem Neu-Ulmer Volksfestplatz herunter verkündet, woran vorher keiner zu glauben gewagt hatte: "Die Kette ist geschlossen." "Das war ein wahnsinniges Gefühl", sagt Langer. Und Fröscher gibt zu: "Ich hätte nicht gedacht, dass das funktioniert." Hat es aber, so wie -bis auf einen kleinen Zwischenfall - auch die Abschlusskundgebung in Neu-Ulm, wo beispielsweise der Theologe Norbert Greinacher sprach.
Bei allem Ernst war die Menschenkette aber ein großes Fest. Auf der Bühne traten Walter Mossmann und Bettina Wegerer auf, Konstantin Wecker und Ton Steine Scherben mit Frontmann Rio Reiser. Und es spielte auch Peter Maffay - aber nur ein Lied, bevor er vor einem Transparent kapitulierte, dessen Inhalt ihn tief getroffen haben muss. Auf dem stand zu lesen: "Lieber Pershing II, als Peter Maffay."
Erscheinungsdatum: Samstag 18.10.2008
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